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576 FEHDEN UND FEINDSCHAFTEN
XXIX Geheime Korrespondenzen79 Bezug genommen, in der ein Brief dem reform- und
aufklärungskritischen Patricius Fast, Priester der Metropolitankirche Migazzis, in die
Feder gelegt ist. Perinet lässt Fast hier die Angriffe durch Kritiker und Neuerer` be-
klagen und sich selbst in seinen Anstrengungen für die Kirche loben, worunter unter
anderem auch sein Einsatz für Pochlin fällt, indem er
die Uhazzische Hezpachtung
vertheidiget 80 habe. Auch in Richters Wienerischer Musterkarte ndet sich ein Bezug:
im [Muster]einerDame,dieoftzurBeichtgeht räteinaufgeklärterGeistlicherseinem
Bruder davon ab, seine Frau zu einer geistlichen Bruderschaft, und zwar in die Herz-
jesu, oder in die neue Dreifaltigkeits-Bruderschaft, durch den P. Pochlin, P. Hell oder P.
Niklas gehen zu lassen, da diese nur Aberglauben verbreitete und eigentlich verboten
sei.81
Schon Jahre zuvor hatte auch in Bayern eine dialektale Predigt von angeblich kon-
servativer, antiaufklärerischer Seite für Aufregung gesorgt. Verfasser der Rosenkranz-
Predigt im ganzen Ernste gehalten zu Bogenhausen nächst München den 3. October 1779
soll ein unter dem Pseudonym
Wiesenpater aus Ismaning` bekannter Kleriker gewesen
sein, nach unterschiedlichen Quellen ein Kapuziner und Eremit der Kolomansklause,
dernachdemErscheinenderSchriftPredigtverboterhaltenhabe.Schondiezeitgenössi-
scheprogressiveLiteraturkritikwusstenichtrecht,wasesmitdiesem1780erschienenen
Werkleinaufsichhatte,nahmabergernedieGelegenheitwahr,esalsbesondersinfames
Beispiel antiaufklärerischer Predigtexzesse zu zitieren. So beteuert man in den Annalen
der Baierischen Litteratur von 1781, wo Auszüge wiedergegeben wurden, die Predigt sei
wirklich keine Satyre, so sehr sie es auch zu sein scheinet. Einige lustige Köpfe, welche
bei derselben in der Absicht zugegen waren, sie, so viel es möglich wäre, im Gedächt-
niß zu behalten, beförderten sie zum Druck .82 Freilich: Auch wenn hinter dem Text
ein reales Vorbild gestanden haben mag, war die eigentliche Intention der Druckle-
gung zweifelsohne die Diffamierung der traditionellen katholischen Kanzelrede, deren
aggressive Rhetorik, extensiver Metaphernreichtum und emotional-irrationale Argu-
mentation lustvoll überzeichnet werden. Mit volksmissionarischer Ambition versucht
der
Wiesenpater`,dieMacht,WirkkraftundBedeutungdesRosenkranzesherauszustel-
len,deralszentralesVolksgebetderKatholikenbereits imVorwortalsWaffegegenalles
Böse, alle Verführung, alle Verfehlung inszeniert wird. Dabei schreckt die Predigt auch
vor hetzerischen Tönen nicht zurück; immer wieder werden Attacken gegen die Pro-
testanten bzw. Luther sowie auch gegen verpönte neumodische` Geistliche und deren
Anliegen gefahren und mit hanebüchenen Exempeln im launigen Erzählduktus veran-
schaulicht:
79 [Joachim Perinet]: XXIX Geheime Korrespondenzen. Ainsi fut accomplie cette parole de l'écriture. Et il a
été mis au rang des méchans. Erste und lezte Sammlung. Wien 1787. Zu nden bei Lukas Hochenleitter,
Kunst-undBuchhändleramKohlmarktN.1180.
80 Ebda.,S.37.
81 Vgl. J[oseph] R[ichter]: Wienerischer Musterkarte. Ein Beytrag zur Schilderung Wiens. Wien 1785.
[1.Au .].3terTheil.Nr.27.
82 AnnalenderBaierischenLitteraturvomJahr1778.Nebsteinervorläu genGeschichtederAufklärungund
Litteratur in Baiern unter Maximilian Joseph. Ersten Bandes erstes Stück. Nürnberg: Grattenauer 1781,
S.234.
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Buch Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte"
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Titel
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Untertitel
- Eine andere Literaturgeschichte
- Autoren
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 652
- Schlagwörter
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen