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578 FEHDEN UND FEINDSCHAFTEN
zelvortrages mancher katholischer Prediger lächerlich machen 84 wollte um diesen
Ansatz allerdings umgehend zu verwerfen. Dabei verweist schon die Widmung an die
kurfürstlich-bayerische Gelehrtengesellschaft zur Beförderung der geistlichen Bered-
samkeit und Katechetik in München 85 auf die satirische Absicht; unmissverständlich
wirdsiedemunvoreingenommenenPublikumvorallemaberdurchdiepointiert-ironi-
scheVerwendungdialektalerFormen,diehierwenigeralsZeichenderVolkstümlichkeit
denn als Beleg der intellektuellen, theologischen und rhetorischen Unbedarftheit des
Wiesenpaters`dienen.
Bezeichnenderweise werden diese mundartlichen Formulierungen zwei Jahre später
für einen Neudruck unter dem Titel Funckelneue Rosenkranzpredigt noch erheblich in-
tensiviert. Diese zweite Fassung ist [d]en Herren Predigtkritikern zu Prag zugeeignet ,
alsojenerGruppeumdenPrämonstratensermönchÄgidChladekunddenHerausgeber
Karl Guol nger von Steinsberg, die 1782 mit der Geißel der Prediger (ab dem 5. Stück
unter dem Titel Predigtenkritik) homiletische Aufklärungsarbeit leisteten und den Wie-
nerWöchentlichenWahrheitenalsVorbilddienten:86
LiebeHerrnKridiker!
Seyts nit harb, daß ich enck meine Predig zug'eignet; ich hab in Zeitung g'lesen, und ist auch ein
WanderG'sell ausPragaussekume,derhatmirverzehlt,daßösaganzBandlb'samenseyts,und
auf die Prager Prediger braf schimfts und losziehts; Schon recht, nur zue, warum predigens nit
besser; in meiner funckelneuen Rosenkranz Predi, da werds wohl nix z'tadeln nden. Net
wahr, so mueß ma s'Wort Gottes fürtragen. Die Predi hat si g'waschen; Oes werds mich wohl a
Bißl lobn? Nur net z' viel ich bin net hoffärti. Auf Laurenzi geht der Bader Michl auf Prag eini
wohlfarten, da werds mein Predig wohl schon g'lesen, und a was drüber druckt habn; Schickts
mir a paar solche Wisch mit ausse, daß ichs mein Bauern fürlesen kan, was 's kost, wers schon
zahln. Wenns a mahl Zeit habts, kommts zu mir ausse, i hab a guets Bier, und fette Damfnudeln
solltsakriegn.
Nulebtsderweilg'sund.
Bogenhaußenden1. Juny1782.
Wiesen-Pater.87
harb] verärgert enck] euch ausse kume] herausgekommen ös a ganz Bandl b'samen] ihr eine ganze Bande
beisammen hoffärti] eitel, ruhmsüchtig Auf Laurenzi] am Laurenzitag: 10. August sollts a kriegn] sollt ihr
auchbekommen
Spätestens mit dieser durchtriebenen Widmung sollte klar geworden sein, dass der
Wiesenpater` bloß eine provokante Stellvertreter gur für jene rückständigen katholi-
schen Kontroversprediger war, deren Ungebildetheit, Ignoranz und Blasiertheit man
auf diese Weise bloßzustellen versuchte. Das hinderte freilich den Aufklärer und ver-
bissenen Kämpfer wider den süddeutschen Barockkatholizismus Friedrich Nicolai in
seinerBeschreibungeinerReisedurchDeutschlandunddieSchweiznicht,daspolemische
Kunstprodukt 1785 als Beispiel für den verkommenen Zustand der Religion im Raum
84 AllgemeinedeutscheBibliothek44/1(1780),S.344f.
85 Rosenkranz-Predigt,S. [3].
86 Vgl.Hoppe,Predigtkritik imJosephinismus,S.69ff.
87 [Anonym]: Funckelneue Rosenkranzpredigt gehalten zu Bogenhausen nächst München von dem soge-
nannten Wiesen-Pater aus Ißmaning. Den Herren Predigtkritikern zu Prag zugeeignet. [o. O, o. V.] 1782,
S.2.
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Buch Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte"
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Titel
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Untertitel
- Eine andere Literaturgeschichte
- Autoren
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 652
- Schlagwörter
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen