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582 FEHDEN UND FEINDSCHAFTEN
Hanswurststreit
Zentrum der Wiener Spaßkultur im 18. Jahrhundert war das Lachtheater, das europäi-
sche Spieltraditionen und autochthone Elemente zu einer publikumswirksamen, im-
pulsgebenden Bühnenform verdichtete. Ihr Aushängeschild war die Wiener Spielart
des Hanswurst. Er war es auch, an dem in der älteren Forschung ein Kon ikt festge-
macht wurde, der ab der Jahrhundertmitte den theater- und literarästhetischen Diskurs
prägte ein Kon ikt, der noch immer unter dem Begriff Hanswurststreit` gehandelt
wird, auch wenn dieser Streit deutlich über eine Kritik an dieser lustigen Figur allein
hinausgeht. Die Auseinandersetzungen, die damit gemeint sind, haben vielmehr den
RangeinessichabzeichnendenParadigmenwandels,erfolgtehierdochein
Wechseldes
BezugsrahmenszwischenderallgemeinenverbindlichenNormästhetikundderBildung
ästhetischerSchulen,diejeweilsumZustimmungwerben 101.DerWienerHanswurstist
somit vor allem als pars pro toto für die vielfältigen Streitpunkte einer poetologischen
und theaterpraktischen Diskussion um die gesellschaftliche Aufgabe des Schauspiels zu
sehen.
Die Figur von Joseph Anton Stranitzky geprägt, wenn auch nicht von ihm er-
funden trug Charakteristika der alten Pickelhäringrolle, erweitert um Elemente ver-
schiedener romanischer Theatertraditionen, ohne allerdings die starren Typenbilder
der Commedia dell'arte beizubehalten. Stranitzkys Kreation ist ein aus Salzburg stam-
mender Bauer, Sauschneider oder Diener, er ist Narr und Galgenstrick, Fresssack und
Säufer, Zankteufel und Raufbold, Frauensammler und Sexualphantast, Analphabet und
Illiterat,FeiglingundPrahlhans,HosenscheißerundWindmacherundimmerauchaufs
Geld aus 102. Sein charakteristisches Kostüm ist eine ktive Tracht, bestehend aus roter
Jacke, blauem Brust eck, Hosenträgern, gelber knöchellanger Hose, derben Schuhen,
Krause und grünem Spitzhut, ergänzt durch eine Holzpritsche. Typischerweise trägt er
einen kurzen, in dünnen Koteletten zum Haar hin laufenden Bart; seine Haare sind
straff zueinemnachobenstehendenBüschelgebunden.103 WasdenHanswurstWiener
Prägung aus der Vielzahl an komischen Typen auf den Bühnen der damaligen Zeit her-
vorheben und zu seiner europäischen Bekanntheit verhelfen sollte, war seine bewusste
Institutionalisierung, Regionalisierung und mediale Vermarktung. Als Stranitzky 1711
das Wiener Kärntnertortheater übernahm, eröffneten sich der künstlerischen Gestal-
tungdurchdasstehendeTheaterunddie xenRezeptionsverhältnissevölligneueMög-
lichkeiten. Die allein auf den Tageserlös angewiesenen Schauspieler der verschiedenen
umherziehenden Theaterbanden konnten bei ihren Auftritten eine bestimmte Publi-
kumserwartung ebenso wenig voraussetzen wie entsprechende Vorkenntnisse. Durch
die Lokalisierung der Herkunft des Hanswurst, seine konsequente berufliche Festle-
gung im Bauernstand (signalisiert durch ein konkretes, unabänderliches Kostüm) und
einesigni kanteregiolektaleSprechweisedifferenzierteStranitzkyseineFigurvonweni-
101 Eybl,HanswurststreitundBroschüren ut,S.25.
102 Müller-Kampel,Hanswurst-Stranitzky,S.5.
103 Vgl. ebda.
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Buch Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte"
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Titel
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Untertitel
- Eine andere Literaturgeschichte
- Autoren
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 652
- Schlagwörter
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen