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HANSWURSTSTREIT 589
nächst ausschließlich mit Druckwerken, erst ab 1760 auch mit Handschriften und Sze-
narien. Am Kärntnertortheater, der bedeutendsten Bastion des Improvisationstheaters
imdeutschsprachigenRaum,wurdenachderAufhebungdeskaiserlichenPrivilegs1752
auch Ein uss aufs Personal genommen, indem Darsteller verp ichtet wurden, die nicht
aus der Stegreiftradition stammten; zudem war eine bestimmte, festgelegte Anzahl von
Spieltagen regelmäßigen Stücken vorbehalten.122 Ein Faktor der Beständigkeit des ex-
temporiertenSpiels lagdabeiauchdarin,dassdiePächternichtaufdieseVorführungen
verzichten konnten: einerseits aus wirtschaftlichen Gründen, andererseits aus Mangel
an spielbaren regelmäßigen Stücken. Im Februar 1752 erließ Maria Theresia das soge-
nannte Norma-Edikt, das de nierte, an welchen Tagen keine Vorstellungen statt nden
durften.AußerdemsaheseineEinschränkungdesRepertoiresvor.Sosolltenvornehm-
lich Stücke französischer, italienischer oder spanischer Autoren gespielt werden, aber
auch konforme deutsche Dramen, die allerdings einer vorausgehenden Prüfung zu un-
terziehen seien; explizit verboten wurden Bernardoniaden und ähnliche Stücke. Auch
dieseMaßnahmenzeigtenvorerstnurbedingtenErfolg.
Als sich nach dem Tod Friedrich Wilhelm Weiskerns (1768) und Prehausers (1769)
mit dem nach Wien zurückgekehrten Kurz-Bernardon ein neuer Aufwind für das Steg-
reif-Theater ankündigte, reagierte Sonnenfels mit einem Promemoria und einer Re-
solution und konnte eine Verschärfung von Zensur und Extemporierverbot erwirken.
Im Fokus war eine Kontrolle dessen, was den Bürgern präsentiert wurde, da sich im-
provisierte Stegreif-Szenen freilich auch jeglicher Zensur vorab entzogen. Ähnlich dem
Kon ikt um die Predigten befürchtete man einen schlechten Ein uss des Theaters vor
allem auf die unteren Schichten.123 Sonnenfels' Anliegen, sämtliche Regelungen auch
auf die Wandertruppen und Vorstadt-Theater auszuweiten, wurde allerdings von Jo-
seph II. abgelehnt. Da diese noch bis in die frühen Neunzigerjahre über viel größere
Freiheit verfügten, verlagerte sich
das Spaßtheater alten Schlages, wenn auch aufkläre-
risch-rationalistischüberformt, 124 indieVorstadt-Theater.
Dem Kontext dieses Kon ikts entspringt ein 1761 in Pressburg erschienenes aufklä-
rerisches Tendenzstück mit dem lapidaren Titel Hannswurst. Die als Hanswurst-Spiel
gekleidete persi ageartigeStreitschrift richtet sich in ihrer ironisierenden Überspitzung
gegen die burleske Spieltradition und die Vernarrtheit des Publikums in die lustige
Figur. Autor des Stückes war wohl nicht, wie oft in der Forschung vermutet, Joseph
122 Vgl.u.a.Zechmeister,DieWienerTheaternächstderBurgundnächstdemKärntnerthor. HildeHaider-
Pregler: Des sittlichen Bürgers Abendschule. Bildungsanspruch und Bildungsauftrag des Berufstheaters
im18. Jahrhundert.Wien/München: JugendundVolk1980. Sonnleitner,DieWienerPosse.
123 Sonnenfelsschreibt:
GiebtesnichtmehrereClassenderunterenBürger,welchenderStaatnachdurchge-
arbeitetem Tage eine Erholung zu verschaffen verp ichtet ist? Wäre es nun aber gleichgiltig, diesen Theil
Bürger entweder in eine Gauklerbude hinzuschicken, wo sie die Albernheiten eines Possenreißers und
seine Un äthigkeiten mit Ekel anhören müssen, oder ihnen ein gesittetes Vergnügen zu verschaffen, wo
sich ihre Stirne, ohne den Anstand schamroth zu machen, aufheitern kann? Der Mann aus der mittleren
Classebedarfessogarnochweitmehr,dassderStaatihmeineanständigeErgötzungzuverschaffensuche,
alsderAdel. In: JosephvonSonnenfels:BriefeüberdieWienerischeSchaubühne.Hg.vonHildeHaider-
Pregler.Graz:AkademischeDruck-undVerlagsanstalt1988. (WienerNeudrucke9)S.411.
124 Müller-Kampel, Hanswurst, Bernardon, Kasperl, S.160. Vgl. auch Linhardt, Kontrolle Prestige Ver-
gnügen,S.16ff. Bodi,Tauwetter inWien,S.163ff.
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Buch Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte"
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Titel
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Untertitel
- Eine andere Literaturgeschichte
- Autoren
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 652
- Schlagwörter
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen