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HANSWURSTSTREIT 593
ein. Nun, was meynt Er? fragte er einmal den Greybig [Franz Kreibich, Musikdirektor und
Violinist], habe ich die Arie so vorgetragen, wie Kasperl? O! O! O! versetzte Greybig mit
seinergewöhnlichenBegeisterung;beymeinerarmenSeele!Ew.Majestät sindder leibhafteKas-
perl!133
Doch auch diese so harmlos erheiternde Rolle forderte noch Kritiker zu literarischen
Fehdeschriften heraus, so etwa den anonymen Verfasser des 1781 erschienenen Pam-
phlets Etwas für Kasperls Gönner, der vor allem gegen die Zuseher und ihren unaus-
löschlichenWunschnachkomischerUnterhaltungwettert:
Vielen, denen das Andenken weyland Hannswurstes (dessen Anhänger Kasperls Parthey zuge-
wachsen sind) so werth ist, daß sie mit einem ihre ganze Seele ausdrückenden Blicke versichern,
sie hätten von der Zeit kein Spektakel besuchet, als die Schaubühne einen so großen Verlust er-
litten, und der Ort des Ergötzens sich in einem Platz des Weinens, seufzens, und Moralisirens
ungewandelt hat, und kaum ein, oder ein paar Akteurs was spaßiges hervor bringen können.
Warum, sagen sie, soll ich mein Geld für Weinen ausgeben, da die Welt ein Sammelplatz des
Jammers,unddesWeinens ist?134
Es wäre zu wünschen , so das tendenziöse Fazit,
daß der denkende Theil wenigs-
tens dem Geschmack nur die einzige Gewogenheit erweiste, und solches Vernunft, und
Anstand entehrendes Gezeug mit ernster, Merkmale seines Unwillen, ausdrückender
Miene aufnähme 135. Im Anhang der Schmähschrift ndet sich als Beleg für diesen üb-
len Geschmack ein Kasperlstück, betitelt Spiel der Liebe und des Glücks, oder Kasperl,
der geglaubte Printz der Insul Csiri Csari. Das Spiel` ist vielmehr eine exemplarische
Szene und will in satirischer Weise die als besonders anstößig geltenden Konstituen-
ten der Kasperliaden La Roches aufzeigen. Wohl nicht erst für den heutigen Leser aber
macht dieses Beispiel völlig gegen die eigentliche Intention die Faszination der frü-
hen Kasperl-Stücke verständlich und lässt Rückschlüsse auf performative Eigenheiten
zu, die aus erhaltenen Spieltexten nur bedingt zu rekonstruieren sind.136 Charakteris-
tisch sind Exotismus (der Schauplatz der Insul Csiri Csari , auf den Kasperl als Prinz-
Ersatz versetzt wird), Verkleidungs- und Kostümierungsfreude (Kasperls Auftritt in
kalikutischer Kleidung 137 etc.), Maschinenzauber (vgl. die Ankündigung mit [...]
Maschinen,Flugwerken,Versenkungen,Verschwindungen 138),Handlungsbrüche,gro-
teske Elemente, körperbetontes Spiel und übertriebene Mimik.139 Vor allem aber zeigt
die durchaus witzige Szene, dass auch die Dialektverwendung des Protagonisten in
deutlichem Kontrast zu den anderen Figuren zu den Charakteristika der Kasperlia-
133 KarlvonDittersdorf:Lebensbeschreibung.SeinemSohneindieFederdiktirt.Leipzig:BreitkopfundHär-
tel1801,S.240.
134 Etwas fürKasperlsGönner,S.3f.
135 Ebda.,S.6.
136 Vgl.Ernst,ZwischenLustigmacherundSpielmacher,S.205.
137 Etwas fürKasperlsGönner,S.14.
138 Ebda.,S.7f.
139 Vgl.Ernst,ZwischenLustigmacherundSpielmacher,S.205.
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Buch Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte"
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Titel
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Untertitel
- Eine andere Literaturgeschichte
- Autoren
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 652
- Schlagwörter
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen