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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte
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LITERATURSATIRISCHE DIALEKTFUNKTIONALISIERUNG 597 Standard zu integrieren wären.150 Energische Befürworter einer Integration von Pro- vinzialismen – und damit in Kontraposition zu Gottscheds Konzept einer exklusiven Hochsprache nach meißnischem Vorbild – waren die Zürcher Kunsttheoretiker Johann Jakob Bodmer und Johann Jakob Breitinger. Beide waren der Überzeugung, dass eine Sprache nicht über eine konstruierte Norm, sondern auf Basis ihres konventionellen Gebrauchsbestimmtwerdenmüsse,dasieaneinekonkreteSprachgemeinschaftgebun- den sei. Die anfangs durchaus amikale Diskussion, die Bodmer und Breitinger mit dem LeipzigerSprachrichterundseinenAnhängernführten,nahmimLaufder Jahre immer schärfere Töne an, da die Schweizer die Vorbildlichkeit des ostmitteldeutschen Meißni- schen entschieden in Frage stellten und für eine gegenseitige Bereicherung von Hoch- und Regionalsprachen eintraten.151 Die Aufgabe lexikalischer Eigenheiten, wie Gott- sched sie forderte, würde nach Bodmer zum Verlust volkskultureller Autonomie führen unddieIdenti kationmitdereigenenHerkunfterschweren.152 JedesVolksolledeshalb seinen Dialekt verbessern, indem die Vorzüge der anderen Regionalsprachen integriert, eigene Stärken aber selbstbewusst verwendet und gep egt werden. Die Notwendigkeit einer Vereinheitlichung der Schriftsprache stellte Bodmer somit niemals in Frage; ihm war es vielmehr um das Recht auf regionalspezi sche Färbung zu tun.153 Was die Gott- schedianer als Makel und Gefährdung einer wünschenswerten gemeinsamen Sprache sahen,verstandendieSchweizerKonkurrentenvielmehralsChanceundGewinn. Dieser regionalistische Ansatz konnte bei den Anomalisten nur auf Ablehnung sto- ßen und wurde in der weiteren Diskussion nicht selten als Versuch, das Hochdeutsche durch den jeweiligen Dialekt zu ersetzen, spöttisch abgehandelt. Die wohl boshafteste – zugleich aber eine ästhetisch grandiose – Auseinandersetzung ist die ‚ Traktatsamm- lung`VolleingeschancktesTintenfäßl in(pseudo-)tirolerischerMundart, eineaberwitzige Briefpoetikmitweiteren ngiertenKorrespondenzenim‚ meißnischen` Standardundin Plattdeutsch. Die Verve des Rundumschlags, die Vielseitigkeit der punktgenauen An- griffe und die Kunstfertigkeit der sprachlichen Travestie machen die Satire mit ihrer bizarren barocken Titulatur zu einem der interessantesten Werke (nicht nur) der bai- risch-österreichischenDialektliteraturvor1800,auchwenndieältereForschungesnoch 150 Vgl. u.a. Katja Faulstich: Konzepte des Hochdeutschen. Der Sprachnormierungsdiskurs im 18. Jahrhun- dert.Berlin:deGruyter2008.– Wiesinger,DasVerhältnisvonDialektundSchriftsprache. 151 Vgl. Gesine L. Schiewer: Bodmers Sprachtheorie. Kontroversen um die Standardisierung und pragma- tische Fundierung des Deutschen. In: Anett Lütteken/Barbara Mahlmann-Bauer (Hg.): Bodmer und Breitinger imNetzwerkdereuropäischenAufklärung.Göttingen:Wallstein2009,S.638– 661. 152 Vgl. JohannJakobBodmer:Vorrede. In: JohannJakobBreitinger:FortsetzungderCritischenDichtkunst, worinnendiepoetischeMahlereyinAbsichtaufdenAusdruckunddieFarbenabgehandeltwird.Zürich/ Leipzig:Orell1740,f.2r– 6v– JohannJakobBodmer/JohannJakobBreitinger:DerMahlerderSitten.Von neuemübersehenundstarckvermehret.2Bde.Zürich:Orell1746. 153 Vgl. Stefan Sonderegger: Aspekte einer Sprachgeschichte der deutschen Schweiz. In: Werner Besch [u.a.] (Hg.): Sprachgeschichte. Ein Handbuch zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Erforschung. 3. Tlbd. 2., vollst. neu bearb. u. erw. Au . Berlin/New York: De Gruyter 2003 (HSK 2.3) S.2825– 2888. – Emanuel Ruoss: Von Sprachrichtern und Provinzialismen. Zu Johann Jakob Bodmers Position im Nor- mierungsdiskurs. In:Sprachspiegel71/2(2015),S.34– 40.
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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 Eine andere Literaturgeschichte
Titel
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Untertitel
Eine andere Literaturgeschichte
Autoren
Christian Neuhuber
Stefanie Edler
Elisabeth Zehetner
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2019
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20630-9
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
652
Schlagwörter
Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
Kategorien
Geschichte Historische Aufzeichnungen
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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800