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LITERATURSATIRISCHE DIALEKTFUNKTIONALISIERUNG 601
Redner ein Schweizerianer seyn müsse, bevor mit einer Werkliste bizarrer Traktate, die
Blauröckeliusnochzuschreibengedenkt, tatsächlichgeendetwird.
Autor dieser Streitschrift, einer idiomatischen Fundgrube ( Es schickts enck zu der
Critica wie der Igl zum Arschwisch 162) und Preziose der komischen Literatur, ist der
Regensburger Friedrich Melchior Grimm (1723 1807), später einer der renommiertes-
ten Intellektuellen Deutschlands und Herausgeber der handschriftlichen (damit auch
unzensurierten) Correspondance littéraire et philosophique. Verfasst auf Anregung Gott-
scheds, der schon Grimms satirischen Lebenslauf von Bodmer und Breitinger in Jo-
hannJoachimSchwabesSack-,Schreib-undTaschenAllmanachaufdasSchalt-Jahr1744
zu schätzen wusste, erschien das Volleingeschanckte Tintenfäßl recte bei Hemmerde in
Halle. Der Leipziger Sprachrichter hatte wohl auch eingeschobene Texte vermittelt: Ei-
ner seiner Parteigänger, Johann Daniel Denso, hatte die plattdeutsche Leichenrede bei-
getragen; die satirische Rede im Kierauß` stammt von seiner Frau, Louise Adelgunde
VictorieGottsched.163
Das Argument der Natürlichkeit als Richtlinie des guten Geschmacks, das von Bod-
mer und Breitinger wiederholt für eine Integration dialektaler Formen in die Literatur-
sprache eingebracht wurde, ließ Gottsched nicht gelten.164 Denn unter Natürlichkeit`
verstand er keine Orientierung an der Natur selbst, sondern an den bewährten Leitbil-
dernderTradition,diedasIdealeineskontrolliertenAusdrucksvernünftigerGedanken
vorgaben. IndiesemAnsatz folgt ihmauchderSalzburgerBenediktinerFlorianReichs-
siegel, der sich in den späten 1760er Jahren mit Horazens und Gottscheds Poetik be-
schäftigte und sie in seinem
dramatischen Scherz- und Lehrgedicht` Die Wahrheit der
Natur (1769) verarbeitete. Das Schulsingspiel, das heute vor allem durch die hochwer-
tige Vertonung Michael Haydns in Erinnerung ist, wollte (so der Dichter im Vorwort)
in allen Zügen die Natur mit der Vernunft und Kunst [...] vereinigen 165 ein hoch-
gestecktes Ziel, dem die simple Handlung kaum Genüge tun konnte. Im Zentrum steht
Mentor, die personi zierte Vernunft, der mithilfe der drei Grazien Euphrosina, Aglaia
und Thalia (als Allegorien der Musik, Poesie und Malerei) die von schlechter Kunst
in Bande geschlagene Mutter Natur befreien möchte. Gemeinsam machen sie sich auf,
der Menschheit rechte Kunst zu lehren, doch treffen sie auf ihrer Reise nur unbelehr-
bare Dilettanten und Kunstbanausen: den Schulmeister Bockstolz, seine Frau Urschel
und den Poeten Vollstreich (die nicht zufällig den
pöbelhaften` Dialekt als gemeinsa-
mes Stigma haben) sowie den Maler Wurmstich. Am versoffenen Schulmeisterehepaar,
das sich am jämmerlich gekratzten Marsch der Spielleute delektiert, wird der schlechte
Zustand der zeitgenössischen Unterhaltungsmusik exempli ziert und implizit mit der
162 Ebda.,S.11.
163 Vgl.Schauer,DaspöbelhaftesteProdukt,S.46f.
164 Vgl. JeskoReiling:DieGenesederidealenGesellschaft.StudienzumliterarischenWerkvonJohannJakob
Bodmer(1698 1783).Berlin/NewYork:deGruyter2010,S.80ff.
165 [Florian Reichssiegel]: Die Wahrheit Der Natur In den Drey irdischen Grazien, Nämlich in der Dicht-
kunst/MusikundMalerey/EindramatischesScherz-undLehrgedicht,VondenSchülernderDichtkunst
In Salzburg aufgeführet 1769. Salzburg, Gedruckt bey Johann Joseph Mayrs, Hof- und Akademischen
Buchdruckers sel.Erbinn[1769], f. 2r.
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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Titel
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Untertitel
- Eine andere Literaturgeschichte
- Autoren
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 652
- Schlagwörter
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen