Seite - 427 - in Die nordöstliche Steiermark - Eine Wanderung durch vergessene Lande

Bild der Seite - 427 -

Bild der Seite - 427 - in Die nordöstliche Steiermark - Eine Wanderung durch vergessene Lande

Text der Seite - 427 -

— 427 — des Charakters der Innenräume des Schlosses. In der Mitte des Hofes uralter Nussbauni. An der Westseite des Hofes liegen die von Sports-männern viel bewunderten Stallungen, welche nicht nur durch die Eleganz der Ausstattung und die Pracht der Sättel und Geschirre, sondern insbesonders auch durch die Schönheit ihrer Bewohner, meist 16 blendend weisse arabische Vollbluthengste reinster Rasse von unschätzbarem Wertlie, das grösste Interesse beanspruchen. Am Süd-ende des Hofes liegt die Schlosskapelle, an deren Eingang der riesige herrliche Grabstein aus rothem Marmor des 1403 gestorbenen Berthold von Emmerberg, Truchsess, der jüngst aus der Kirche von Fehring hierher versetzt wurde, sich erhebt. Im Innern der Kapelle die alten Grabsteine der Lenghaimb. Die Burg enthält ausser den mit fürstlichem Luxus ausgestatteten Privatgemächern Sefer Pasclia's über ein Dutzend reizender Fremdenzimmer, und, nebst den Wohnungen der zahlreichen Dienerschaft, fünf Prunksäle von durchwegs verschiedenem Charakter. Der erste Saal zeigt uns eine gothische, reich mit Schnitz-werk und polychromirten Wappenschildern geschmückte mittelalter-liche Halle von jener gediegenen Pracht, von jener kräftigen Con-struction, die uns Walter Scott auf altschottischen Edelsitzen so bezaubernd schildert. Der nächste Saal führt uns ohne gefahrvollen Kreuzzug vom mittelalterlichen Ritterthum in die Märchenwelt des Orients mit all' seiner berückenden Decoration, den schwellenden Divans und Ottomanen, den prächtigen exotischen Farren und'Palmen, den weichen Teppichen Persiens und Arabiens mit ihrer trotz aller Buntheit so wunderbaren Farbenharmonie, mit ihren entzückenden, goldig warmen Tönen, den kostbaren japanesischen Bronzen etc. Wieder öffnen sich die Pforten eines dritten Saales, dessen Mitte ein Billard einnimmt, dessen Wände aber ein Museum prunkvoller orientalischer Waffen, damascirtund tauschirt,Pferdedecken, Trachten- Stücke, ägyptische Aitertliiimer etc. bildet, das zu besc hreiben es uns an Raum fehlt. Im vollen Gegensatze steht der nächste Saal, der Salon, im reichsten Spätrenaissancestyle französischen Charakters gehalten, ein Triumph moderner Kunsttischlerei und Holz-schnitzerei. Den Abschluss dieser Flucht Säle bildet der Speise-saal. An der nördlichen Schmalfront des Schlosses springt eine grosse Terrasse über die Wipfeln des Buchwaldes aus, von wo sich ein bezaubernder Blick über die ganze nordöstliche Steiermark erschliesst. Noch wäre Manches zu beschreiben, so der alte „Römerbrunnen", die geheimen Gänge und Thilren der Burg, ihre schauerlichen Verliesse, die eiserne Maske, welche ein eifersüchtiger Rittersmann seiner Gattin bei Gastgelagen anlegte, um ihre Schönheit zu verbergen, etc. Wir müssen uns hier darauf beschränken, nochmals zu betonen, Berthold-stein ist nicht nur der Magnet Fehrings, Feldbachs und Gleichen-bergs, sondern überhaupt ein Juwel unter den österreichischen Schlössern, welches die märchenhafte Pracht des Orientes mit dem ver-feinerten Geschmack europäischer Civilisation in seltener Weise vereint.
Die nordöstliche Steiermark Eine Wanderung durch vergessene Lande
Titel
Die nordöstliche Steiermark
Untertitel
Eine Wanderung durch vergessene Lande
Autor
Ferdinand Krauss
Verlag
-
Ort
Graz
Datum
1888
Sprache
deutsch
Lizenz
PD
Abmessungen
10.93 x 17.9 cm
Seiten
498
Kategorien
Geschichte Vor 1918