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Vom patriotischen Volkslied zur nationalen Kaiserhymne 99
save Great George our King“ heißt es nun „Gott! erhalte Franz den Kaiser / Unsern
guten Kaiser Franz“. Alle vier Strophen sind in ähnlicher Textparallelität angelegt.14
Weniger ‚vorbelastet‘ in seinem überzogenen Patriotismus erscheint der Komponist
Joseph Haydn, schon damals eine überaus beliebte und hoch angesehene Persönlich-
keit der Wiener Gesellschaft. Ganz konnte er sich den Kriegsereignissen allerdings
nicht entziehen: Im selben Jahr 1796 komponierte er seine Missa in tempore belli
(Hob XXII:9), die er im Agnus dei mit Pauken und Trompeten besetzte, um das He-
ranrücken des Feindes zu suggerieren. Haydns musikalische Vertonung des Texts von
Haschka ist dem englischen Vorbild weniger nah angelehnt, sondern geht vielmehr
eigene Wege.15
Wenn Saurau in dem Schreiben an Dietrichstein die neue Hymne als „unser Volks-
lied“ bezeichnete, dann ist damit freilich nicht der von Herder eingeführte Begriff
gemeint, der in der später ansetzenden akademischen Diskussion um das sogenannte
Volkslied eine zentrale Rolle spielte.16 Hier wurde ‚Volkslied‘ im ganz wörtlichen
Sinn verstanden, als ein Lied des Volks, bzw. ein Lied, das das Volk singen sollte –
auch wenn es, im Gegensatz zur ‚echten‘ englischen Volkshymne, mit politischem
Kalkül von höchster Stelle verordnet wurde.
Die Uraufführung: Präsenz und Präsentation
Vieles spricht dafür, dass Graf Saurau unter dem Aspekt von größtmöglicher öffent-
licher Aufmerksamkeit Ort und Zeitpunkt der Uraufführung schon von Anfang an
mitkonzipiert hatte. Das Theater war damals die erste Institution, in der Adel und
gehobenes Bürgertum sich in großer Zahl und kultivierter Umgebung zusammen-
fanden. Dort konnte auch der Kaiser hautnah erlebt werden, wenn er zu speziellen
Veranstaltungen oder besonderen Festen persönlich erschien. Diese Konstellation
war keine besondere Wiener Erscheinung, sondern war auch in England und ande-
ren europäischen Monarchien üblich. Auch God save the King wurde, wie schon
erwähnt, erstmals in einem Theater aufgeführt, und die preußische Adaption der
Hymne Heil Dir Im Siegerkranz erfuhr ihre erste öffentliche Präsentation am 5.
Mai 1795 im Berliner Nationaltheater, zur Geburtstagsfeier des Königs.17
In Wien wurde der anstehende 29. Geburtstag des Kaisers am 12. Februar 1797
auserwählt und seine Anwesenheit im Burgtheater genützt, um das neue ‚Volkslied‘
zur Uraufführung zu bringen. Haydn selbst kümmerte sich um eine ‚Theaterfassung‘,
die er neben der textierten Originalmelodie und einem Chorsatz gleich mitlieferte. In
dieser Fassung, die er selbst mit „Volks Lied“ überschrieb, ließ er das volle Orchester
mit einem länger ausgehaltenen Akkord beginnen und bemerkte dazu: „Die allererste
Note wird nur anfangs gespielt um dem Volk den Ton zu geben.“ (Abb. 1)
Die Repräsentation der Habsburg-Lothringischen Dynastie in Musik, visuellen Medien und Architektur
1618–1918
Representing the Habsburg-Lorraine Dynasty in Music, Visual Media and Architecture
- Titel
- Die Repräsentation der Habsburg-Lothringischen Dynastie in Musik, visuellen Medien und Architektur
- Untertitel
- 1618–1918
- Herausgeber
- Werner Telesko
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20507-4
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 448
- Kategorien
- Geschichte Vor 1918