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Vom patriotischen Volkslied zur nationalen Kaiserhymne 101
ist hier bloß der Adressat des Liedes, der in seiner persönlichen Präsenz jedoch die
beste Voraussetzung für die spätere Repräsentationsfunktion der Melodie schuf.
Die Parallelaktionen: Re-Präsentation
Dass aus der verhältnismäßig intimen Situation der Uraufführung ein hochoffizieller
Akt wurde, dafür zeichnete wiederum Graf Saurau verantwortlich. Im Stil einer Mu-
sil’schen ‚Parallelaktion‘ versandte er noch rechtzeitig vor dem 12. Februar einen rasch
hergestellten Erstdruck des Lieds (Abb. 2) an alle anderen Wiener Theater sowie an viele
größere Städte des Reichs, verbunden mit der Aufforderung, „die Wünsche des ganzen
Volkes [mögen] an dem nämlichen Tage für die Erhaltung seiner Majestät erschallen.“21
Wie de facto die rasche Distribution der Hymne bis in die letzten Ecken des Reichs
organisiert wurde, erhellt sich aus dem Grazer Präsidialgeschäftsprotokoll vom 3. Feb-
ruar 1797. Demnach schickte Saurau Musik und Text in die steirische Landesstelle, die
mithilfe eines Circulars die Aufforderung, „dieses Lied auch hierlande mit möglichster
Feierlichkeit absingen [zu] lassen“, umgehend an alle Kreisämter weiterleitete.22
Aus einem Bericht der Wiener Zeitung erfahren wir, dass dieser Anweisung pflicht-
getreu gefolgt wurde. Gleichzeitig mit dem sozusagen ‚Ur-Festakt‘ im Burgtheater
wurden auch in Graz, Judenburg, Leoben, Innsbruck, Prag sowie östlich von Wien,
in Brünn, Krakau, Ofen, Pest und vielen weiteren Städten Feierlichkeiten zum Ge-
burtstag des Kaisers inszeniert, in deren Rahmen Haydns Hymne erklang.23 Die
Wiener Situation wurde dadurch gleichsam nachgestellt und ihr Effekt multipliziert:
Man feierte ebenfalls in einem Schauspielhaus (sofern eines vorhanden war)24, setzte
ein inhaltlich passendes Stück auf den Spielplan und sang zum Beginn oder zum
Abschluss der Veranstaltung das ‚Volk’s Lied‘, das nun freilich nicht an eine phy-
sisch vorhandene Person adressiert werden konnte. In Triest war Erzherzog Ferdinand
Karl anwesend und nahm als Mitglied der kaiserlichen Familie stellvertretend die
Glückwünsche entgegen. In anderen Städten, wie etwa in Innsbruck, stellte man ein
Bild von seiner Majestät auf, das man ansingen konnte, und in Graz und Judenburg
wiederum schmückte man eigens dafür die Bühne. In der steirischen Landeshaupt-
stadt war es eine – leider nicht genauer beschriebene – allegorische Dekoration, in
Judenburg „verwandelte sich die Bühne in eine ländliche Gegend, in deren Mitte
auf mit Rosen umwundenen Säulen, ein Tempel sich zeigte, der niedlich beleuchtet
war.“25 Damit abstrahierte sich der ursprüngliche Akt der Gratulationsgeste und löste
sich von der unmittelbaren Situation des Gegenübers. Die Anwesenheit des Kaisers
musste imaginiert werden, sei es durch persönliche Stellvertreter, durch ein ausge-
stelltes Porträt oder durch eine allegorische Dekoration. In Verbund mit Repräsenta-
tionselementen aus anderen Künsten – der Literatur, der bildenden und der darstel-
Die Repräsentation der Habsburg-Lothringischen Dynastie in Musik, visuellen Medien und Architektur
1618–1918
Representing the Habsburg-Lorraine Dynasty in Music, Visual Media and Architecture
- Titel
- Die Repräsentation der Habsburg-Lothringischen Dynastie in Musik, visuellen Medien und Architektur
- Untertitel
- 1618–1918
- Herausgeber
- Werner Telesko
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20507-4
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 448
- Kategorien
- Geschichte Vor 1918