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Die Repräsentation der Habsburg-Lothringischen Dynastie in Musik, visuellen Medien und Architektur - 1618–1918
Seite - 107 -
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Vom patriotischen Volkslied zur nationalen Kaiserhymne 107 Wiener Hofkapellmeister eine Kantate mit dem sprechenden Titel Der Tyroler Land- sturm, laut Titelblatt „zum Vortheil der durch feindliche Verheerungen verunglück- ten Tyroler und Vorarlberger Landeseinwohner“, die als weiteres Beispiel einer natio- nalpatriotischen Komposition sich auf Kriegshandlungen im zweiten Koalitionskrieg bezieht. Salieri repräsentierte hier die beiden gegeneinander kämpfenden Nationen mit den ihnen zugewiesenen Melodien: Frankreich durch die Marseillaise (die am 7. Juli 1795 zur offiziellen Nationalhymne erklärt worden war), Österreich durch die Kaiserhymne.41 Religiöse Konnotationen Ein weiterer Faktor, der zur Loslösung der Melodie aus ihrer ursprünglichen Funk- tion als Geburtstagsständchen beitrug, war ihre Nähe zur geistlichen Musik. Dazu tragen einerseits die hymnenartige Gestaltung der Melodie, andererseits aber auch die gesungenen Worte bei. Insbesondere der Text der ersten Strophe ist eigentlich ein Gebet, ein Anruf Gottes verbunden mit der Bitte, dem Kaiser wohlgesonnen zu sein. Dieser Wunsch bildet auch den Refrain, der jede weitere Strophe sinnfäl- lig abschließt. Auch wenn im Sinne des aufgeklärten Absolutismus die Macht des Kaiser nicht mehr auf dem Gottesgnadentum beruhte, entsprach diese enge Verbin- dung zwischen geistlicher und weltlicher Macht, wie sie auch schon in der englischen Hymne angelegt war, dem reaktionären Herrschaftsstil von Kaiser Franz II.42 Die inhärente religiöse Wirkung der Kaiserhymne wurde bei der Uraufführung ungeplant verstärkt, indem sich einige Theaterbesucher zum besseren Lesen des Texts Kerzen anzündeten. Der oben schon erwähnte Eipeldauer, den die dadurch entstan- dene Atmosphäre an die Johannesandacht erinnerte, meinte, man wollte damit be- wusst demonstrieren, dass der Kaiser auch eine Art Schutzpatron seines Volkes sei.43 In der Tat zeigt die Melodie nicht nur eine enge Verwandtschaft zu einem kroatischen Volkslied44, sie stimmt in ihrer Tonfolge auch mit verschiedenen Choralmelodien überein. Vor allem der Beginn des lateinischen Glaubensbekenntnisses Pater noster, qui es in coelis, das zum Standardrepertoire eines katholischen Christen gehört, mag dazu beigetragen haben, dass viele Bürger des Habsburgerreichs die Kaiserhymne mehr oder weniger bewusst als Musik mit starkem religiösem Einschlag empfanden. Auch Joseph Haydn soll sie als „mein Gebet“ bezeichnet haben.45 Ein Bericht des Schauspielers August Wilhelm im September 1808 verdeutlicht die irrationale Wir- kung der Melodie auch bei seinem Schöpfer, der sie den Tränen nahe „mit unerklär- barem Ausdruck“ seinem Besucher am Klavier vorspielte. Haydn „spiele dieses Lied an jedem Morgen und oft habe [er] Trost und Erhebung daraus genommen in den Tagen der Unruhe.“46
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Die Repräsentation der Habsburg-Lothringischen Dynastie in Musik, visuellen Medien und Architektur 1618–1918
Representing the Habsburg-Lorraine Dynasty in Music, Visual Media and Architecture
Titel
Die Repräsentation der Habsburg-Lothringischen Dynastie in Musik, visuellen Medien und Architektur
Untertitel
1618–1918
Herausgeber
Werner Telesko
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2017
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20507-4
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
448
Kategorien
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