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Das Ohr des Fürsten 253
Kommentare des Verfassers dennoch einen unmittelbareren Einblick in den Wiener
Kaiserhof. Insbesondere das Anbahnen diplomatischer Aktivitäten wie die Vorberei-
tung von Bündnissen wird greifbar, was als „Blick hinter die Kulissen“ zu werten ist
und aufgrund der kaiserlichen Einschätzung eine wichtige Ergänzung zu dem veröf-
fentlichten Blick auf die Ereignisse des Wiener Hofs darstellen.3
Der Wiener Hof
Regelmäßig verweist Karl VI. auf die Sitzungen des Geheimen Rats, an denen er
persönlich teilgenommen hat. Wesentlich seltener erfolgt jedoch ein Hinweis auf den
Inhalt der Besprechungen. Ist ein solcher vorhanden, dann wird oft nur allgemein
etwa auf die ‚Niederlande‘ für die Österreichischen Niederlande oder ‚England‘ hin-
gewiesen. Selten wertete der Kaiser die Geschehnisse, etwa ist zum 10. April 1725 zu
lesen: „nachricht Frank[reich], Sp[anien] bos all[weil] herzo[gin] zuruk schik[en] wie
krig declaracion, acht, neg[otia] profitiren, vill raisonirt“. Konkret geht es dabei um
die Zurücksendung der allzu jungen spanischen Infantin Mariana und die Auflösung
der geplanten Vermählung mit Ludwig XV., was schließlich den Weg zum Wiener
Frieden 1725 zwischen dem bloßgestellten Spanien und der Habsburgermonarchie
ebnete.4 Solche Kommentare sind, wie bereits betont wurde, selten anzutreffen, doch
aufgrund der Tatsache, dass es sich um die persönliche Einschätzung des Souveräns
handelt, umso wertvoller.
In der Folge soll nun weniger auf den Inhalt der Notizen, sondern auf die Zahl
der Namensnennungen eingegangen werden, um die Hofstrukturen darzustellen. Im
Vorfeld von Ratssitzungen oder auch sonst während des Tages verweist der Kaiser
häufig auf Besprechungen mit einzelnen Persönlichkeiten des Wiener Hofes. Si-
cherlich bleiben dabei einige Namen unerwähnt, doch zeigt allein die Auswahl des
Kaisers, welche Persönlichkeiten und welche Meinungen für ihn aufzeichnungswert
und damit von Bedeutung sind. Dabei muss im Zusammenhang mit dem Kaiserhof
Karls VI. insbesondere die Gruppe der ‚Spanier‘ beachtet werden.5
Betrachtet man die Zahlen (Tabelle 1), dann wird deutlich, dass der Vertraute,
Oberststallmeister Johann Michael Graf Althann (1679–1722), auch in den Notizen
die dominante Persönlichkeit darstellt. Häufig trafen die beiden einander am Nach-
mittag oder Abend, u. a. wohl zu Spielrunden, oder der Oberststallmeister begleitete
den Kaiser auf Jagden. Althanns Name erscheint durchaus auch im Kontext von
politischen Entscheidungen; so nahm dieser z. B. 1722 Einfluss auf die Besetzung
seines Verwandten Michael Friedrich Graf Althann als Vizekönig in Neapel (Eintrag
vom 23. Februar 1722). Kurz nach dem Tod des Freunds notierte der Kaiser am 9.
April 1722, dass er bezüglich der Bestellung des Vizekönigs von Neapel Althann als
Die Repräsentation der Habsburg-Lothringischen Dynastie in Musik, visuellen Medien und Architektur
1618–1918
Representing the Habsburg-Lorraine Dynasty in Music, Visual Media and Architecture
- Titel
- Die Repräsentation der Habsburg-Lothringischen Dynastie in Musik, visuellen Medien und Architektur
- Untertitel
- 1618–1918
- Herausgeber
- Werner Telesko
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20507-4
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 448
- Kategorien
- Geschichte Vor 1918