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Habsburgische Propaganda des kaiserlichen Botschafters 269
pro-bourbonische Majorität im Kardinalskollegium sicherte die Wahl des frankophi-
len Clemens XI. (Giovanni Francesco Albani [1649–1721]), wodurch die päpstliche
Anerkennung des französischen Prinzen Philipp V. als spanischer König garantiert
war. Die pro-bourbonische Politik des Papsts führte bald zur Verschärfung der Bezie-
hungen mit Wien, die aber erst nach dem Tod Kaiser Leopolds I. (1705) ihren Höhe-
punkt erreichte.18 Am 10. September 1702 erklärte der Kaiser den beiden Bourbonen
den Krieg. Im Herbst 1703 kam es in Rom – als Konsequenz der habsburgischen Pro-
klamation von Erzherzog Karl zum spanischen König – zum berühmten ‚Krieg der
Bilder‘.19 1704 ließ die polnische Königinwitwe anlässlich der bayerischen Eroberung
Passaus ein Te Deum aufführen, während die Pamphlete der pro-französischen Seite
die Revolte Franz II. Rákóczis besangen.20 Der Papst untersagte infolge des Kriegszu-
stands die üblichen Karnevalslustbarkeiten inklusive der Theatervorstellungen, Bälle
und Maskenumzüge.
Der Tod Leopolds I. stellte das Ende der zurückhaltenden Außenpolitik Wiens
dar: Die beiden jungen habsburgischen Prätendenten Joseph und Karl traten gegen
die Politik des Papsts mit außergewöhnlicher Entschiedenheit auf.21 Die Konfronta-
tion gipfelte im Sommer 1705 mit der endgültigen Abberufung Lambergs aus Rom.22
Erst im nächsten Jahr vertraute Joseph I. dem beim päpstlichen Hof sehr unbeliebten
Kardinal Vicenzo Grimani (1655–1710) die italienischen Agenden an. Ab dem Ende
des Jahrs 1706 bewegten sich die kaiserlichen Heere in Richtung Neapel – möglichst
nahe an Rom. Mit Hilfe der englisch-holländischen Flotte eroberte man am 7. Juli
1707 Neapel und im September 1708 Sardinien. Die Besetzung der Ferrara’schen
(eigentlich der päpstlichen) Lagune bei Comacchio durch die kaiserlichen Truppen
im Mai 1708 markierte den letzten kriegerischen Konflikt zwischen Papst und Kaiser
in der europäischen Geschichte.23 Nach dem päpstlichen Bann und seiner Ankündi-
gung eines Kreuzzugs stellte der Kaiser ein Ultimatum.24 Kurz vor Mitternacht am
15. Jänner 1709 kapitulierte Clemens XI. und erkannte am 10. Oktober in aller Stille
die Ansprüche von Erzherzog Karl in Spanien an. Die politische Lage war trotzdem
weiterhin brisant, und die Beziehungen aller kaiserlichen Gesandten dieser Zeit zum
Papst blieben angespannt. In der diplomatischen Korrespondenz begegnet man daher
wiederholt dem Ausdruck päpstlichen Zorns.25
In den Jahren 1708–1714 bekleidete Hercole Joseph Louis Turinetti Marquis de
Prié (1658–1726) den Botschafterposten in Rom. Er hatte seine erfolgreiche Kar-
riere als Kammerdiener des Prinzen Eugen von Savoyen begonnen, später war er
savoyischer Ambassadeur in Wien gewesen und dann im kaiserlichen diplomatischen
Dienst in Paris, den Niederlanden, Rom und Belgien gestanden.26 Nach drei Jahren
in Rom wurde Turinetti von Johann Wenzel Graf von Gallas (1671–1719) abgelöst,
dessen Ernennung im Frühling 1713 in Wien unterschrieben wurde.27 Dieser wohl-
Die Repräsentation der Habsburg-Lothringischen Dynastie in Musik, visuellen Medien und Architektur
1618–1918
Representing the Habsburg-Lorraine Dynasty in Music, Visual Media and Architecture
- Titel
- Die Repräsentation der Habsburg-Lothringischen Dynastie in Musik, visuellen Medien und Architektur
- Untertitel
- 1618–1918
- Herausgeber
- Werner Telesko
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20507-4
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 448
- Kategorien
- Geschichte Vor 1918