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Habsburgische Propaganda des kaiserlichen Botschafters 271
der Botschafter in Rom al incognito. Das war zwar einerseits billiger, andererseits
schränkte es die diplomatisch-politische Aktivität des Botschafters beträchtlich ein,
denn in dieser Position konnte er sich noch nicht diplomatisch für seine Ziele einset-
zen. Aus diesem Grund hatte man sich bereits in einigen Fällen für einen verfrühten
Einzug – ohne eigene Paradekutschen – entschieden. Doch bei einem Einzug mit
ausgeliehenen (oder nicht so prächtigen) Kutschen riskierte man negative Reaktio-
nen beim römischen Publikum. Und gerade dies geschah im Mai 1714, als Gallas auf
Drängen Wiens seinen offiziellen Einzug verfrüht durchführte.33 Der Graf konnte
nicht auf die Fertigstellung seines pompösen Kutschenkonvois warten und musste
sich für diesen Zweck die Kutschen des Kardinals Francesco Barberini ausborgen.
Mit insgesamt nur 126 Wagen stellte sein öffentlicher Einzug am 13. Mai 1714 ein
gesellschaftliches Debakel dar.34 Zum Vergleich: Das Gefolge bei der Abschiedsaudi-
enz des Fürsten von Liechtenstein im Jahr 1694 sowie der Einzugskonvoi des Grafen
von Martinitz im Jahr darauf hatten aus mehr als 300 Kutschen bestanden.35 Ebenso
ungefähr 300 Wagen hatte man bei der ersten Audienz des Ambassadeurs Turinetti
im Jahr 1710 gezählt. Dennoch, seit dem Tag seiner ersten offiziellen Audienz (22.
Mai 1714) musste man Gallas öffentlich und ausnahmslos alle Ehren und Respekt
erweisen. Den kleinsten Fehler im Bereich des diplomatischen Zeremoniells empfand
man als Verletzung der kaiserlichen Majestät – mit allen weitreichenden Konsequen-
zen.
Ein Botschafterkonvoi bestand damals in der Regel aus fünf bis zehn Paradekut-
schen, wobei die wichtigsten (und prunkvollsten) die ersten drei bis fünf Sechserge-
spanne waren. Die Paradekutschen wurden direkt in Rom bei Spezialisten – manch-
mal bereits im Voraus – in Auftrag gegeben. Deren Herstellung kostete nicht nur eine
enorme Geldsumme, sondern auch Geduld. Beide Aspekte – Geld und die notwen-
dige Zeit – hatten zur Folge, dass man in einigen Fällen den feierlichen Ingresso um
einige oder sogar viele Monate verschieben musste. Es konnte auch passieren, dass
es überhaupt nicht zu einem offiziellen Einzug kam, was man aber als eine öffentli-
che Schande ansah. Graf Lamberg (1700) zahlte für seinen Konvoi (treno) 100.000
Gulden,36 Gallas rechnete sogar mit 200.000 Gulden (einschließlich Livreen).37 Wie
bereits angemerkt: Die Öffentlichkeit beobachtete und kommentierte die Botschaf-
tereinzüge und deren Kutschen mit größter Aufmerksamkeit.
Eine geringe Zahl von Kutschen marginalisierte das Prestige des Einzugs. Die Ent-
täuschung der Öffentlichkeit sowie der wichtigen Beobachter, die in Rom den ‚ge-
wöhnlichen‘ Prunk erwarteten, führte zu unverhohlener Kritik und sogar Verachtung,
die nicht nur den Botschafter, sondern auch dessen Souverän (!) treffen konnte. Als
eine solche internationale Schande galt beispielsweise der Einzug des venezianischen
Gesandten Erizzo „in forma Pauperit“ im Frühjahr 1700. Und man schrieb darüber
Die Repräsentation der Habsburg-Lothringischen Dynastie in Musik, visuellen Medien und Architektur
1618–1918
Representing the Habsburg-Lorraine Dynasty in Music, Visual Media and Architecture
- Titel
- Die Repräsentation der Habsburg-Lothringischen Dynastie in Musik, visuellen Medien und Architektur
- Untertitel
- 1618–1918
- Herausgeber
- Werner Telesko
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20507-4
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 448
- Kategorien
- Geschichte Vor 1918