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Habsburgische Propaganda des kaiserlichen Botschafters 279
26. Oktober 1716 heiratete Gallas in der Hofburg seine Schwägerin Marie Ernestine
(1683–1745). Während seiner Abwesenheit wurde der Graf in der Ewigen Stadt durch
Kardinal Wolfgang Hannibal von Schrattenbach vertreten. Diesem kam daher Ende
April 1716 auch die ehrenvolle Aufgabe zu, eine prunkvolle Feier (pompa natalizia)
anlässlich der Geburt des Thronfolgers, Erzherzog Leopold Johann, zu organisieren.
Im Sommer 1717 kam Graf Gallas nach Rom zurück, mit ausführlichen Instruk-
tionen des Kaiserhofs in Wien ausgestattet. Die Mehrheit der Punkte betraf zeremo-
nielle Unklarheiten.55 Man kam zu dem Schluss, dass bei öffentlichen Zeremonien
dem Governatore di Roma il luogo piú degno – also ein Ehrenposten zwischen dem
Papst und dem (kaiserlichen) Botschafter – nicht zustand, er sollte sich zumindest ein
kleines Stück dahinter halten. Gallas sollte heimlich (zur Verringerung der Ausgaben)
eine sukzessive und unbemerkte Minderung der allzu aufwändigen Zurschaustellun-
gen von Prunk und Luxus mit den anderen römischen Gesandten vereinbaren.56 Bald
nach seiner Ankunft absolvierte Gallas eine außerordentliche Audienz beim Papst
und den Kardinälen, bei der man seine Gemahlin mit Geschenken willkommen hieß.
Die fromme Botschafterin trug zur Reputation ihres Manns bei und wurde eine be-
deutende Akteurin des gesellschaftlichen Lebens in Rom. Besonders schätzte sie die
Gesellschaft der beiden, in Rom verweilenden und zu kirchlichen Karrieren voraus-
bestimmten, bayerischen Prinzen Philipp Moritz und Klemens August.57 An der ers-
ten der regelmäßig von der Botschafterin veranstalteten Abendgesellschaften (nobile
conversazione)58 nahmen u. a. die Herzogin von Bracciano, die Fürstin von Rocca, die
beiden Kurprinzen und der Kardinal von Schrattenbach teil.59 Anfang Oktober 1717
organisierte Gallas eine prachtvolle Feier zur Erinnerung an die Eroberung Belgrads
durch Eugen von Savoyen,60 deren Ablauf die zeremoniellen Auseinandersetzungen
signifikant verkomplizierten. Das betraf vor allem die Semipontifikale-Messe, die in
Santa Maria dell’Anima erstmals wieder nach ein paar Jahrzehnten stattfand. Man
war unsicher, ob die Kardinäle vom Papst oder vom Botschafter eingeladen werden
sollten, ob die Messe vom päpstlichen Chor gesungen werden sollte, und ob die Pa-
gen während der Liturgie die Kerzen halten durften. Und schließlich auch, wo Gallas
die Kardinäle begrüßen sollte, wie hoch und mit welchen Textilien die einzelnen
Sesseln gepolstert sein sollten usw.61
Wegen der aggressiven spanischen Außenpolitik verlief die Schlussetappe der itali-
enischen Tätigkeit des Grafen Gallas durchaus dramatisch.62 Im Frühling 1719 wurde
der Graf zum Vizekönig von Neapel (ein außerordentlich begehrter Prestigeposten)
ernannt, wohin er sich – seiner Gesundheit zuliebe – so bald wie möglich begeben
wollte.63 Durch unvorhergesehene Verzögerungen trat er die Reise jedoch verspätet,
während der heißen Sommermonate, an.64 Daraufhin erkrankte Gallas in Neapel
und starb unerwartet am 25. Juli 1719, nur wenige Tage nach seinem Amtsantritt.65
Die Repräsentation der Habsburg-Lothringischen Dynastie in Musik, visuellen Medien und Architektur
1618–1918
Representing the Habsburg-Lorraine Dynasty in Music, Visual Media and Architecture
- Titel
- Die Repräsentation der Habsburg-Lothringischen Dynastie in Musik, visuellen Medien und Architektur
- Untertitel
- 1618–1918
- Herausgeber
- Werner Telesko
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20507-4
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 448
- Kategorien
- Geschichte Vor 1918