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Musikdramatische Aufführungen als Spiegel musikalischer Feste am Wiener Kaiserhof 289
In allen genannten Residenzen wurden, nach dem Vorbild des Kaiserhofs, vor
allem anlässlich der Geburts- bzw. Namenstage von Familienangehörigen Opern und
Serenaden einstudiert (Abb. 2). In Jarmeritz waren Opernaufführungen auch bei al-
len anderen Unterhaltungen und Festen nahezu obligatorisch.
Johann Adam von Questenberg als Förderer des Musikzentrums Jarmeritz
Die Häufigkeit der Jarmeritzer Vorstellungen war bemerkenswert: Spätestens ab den
1730er-Jahren wurden dort jährlich bis zu 40 Opern und Komödien mit Musik auf-
geführt, wobei das Verhältnis zwischen Opern und Komödien ungefähr gleich war.
Durch intensive Forschungen in den letzten Jahren ist es gelungen, die hohe Zahl
von circa 170 von in Jarmeritz zwischen 1722 und 1752 gegebenen musikalischen
Aufführungen von Opern, Huldigungskompositionen und Oratorien nachzuwei-
sen.15 Es handelte sich bei diesen Werken bzw. Aufführungen selbstverständlich nicht
nur um Premieren; mehrere Werke wurden wiederholt und manchmal offensichtlich
auch in einer anderen als der originalen Sprache aufgeführt.16 Als Beispiele sollen
hier zwei der damals ebenso populären wie anspruchsvollen Opern dienen: Cajo Fa-
bricio o sia Pirro von Johann Adolf Hasse war in Jarmeritz zum ersten Mal nach
dem 6. Oktober 1734 aufgeführt worden, Reprisen folgten nach dem 24. Dezember
1734 und nochmals im Herbst 1735; Merope von Riccardo Broschi, in Mitteleuropa
eine absolute Novität, hatte ihre Jarmeritzer Erstaufführung nach dem 11. September
1737, Reprisen fanden in der zweiten Novemberhälfte 1737, am 26. April 1738 und
höchstwahrscheinlich auch im Herbst/Winter 1738 statt.17
Auch dass Angehörige des mährischen Adels selbst als Akteure in musikdramati-
schen Vorstellungen auftraten, entsprach seit Beginn des 17. Jahrhunderts den Ge-
pflogenheiten am Kaiserhof bzw. generell jenen des europäischen Adels im Einfluss-
bereich der Habsburger.18 So beispielsweise bei der von Kaiser Karl VI. persönlich
geleiteten Oper Euristeo von Antonio Caldara (Wien 1724). Die Oper Nel perdono la
vendetta aus dem Jahre 1739, eigentlich ein Pasticcio basierend auf einem Werk von
Giovanni Porta, wurde zum Fest des Hl. Maximilian, also zum Namenstag des Lan-
deshauptmanns Maximilian Ulrich Graf von Kaunitz, in Holleschau durch adelige
Dilettanten aufgeführt sowie im November 1732 zwei Opern in Jarmeritz: Cleonice e
Demetrio (deren Komponist unbekannt ist) und L’elezione d’Antioco in rè della Siria,
beide anlässlich des 20. Geburtstags und gleichzeitigen Namenstags der Tochter des
Grafen, Maria Carolina von Questenberg (später verehelichte von Kuefstein), dem
einzigen Kind des Grafen, das das Erwachsenenalter erreichte.19
Die Oper L’elezione d’Antioco in rè della Siria, als „Tragedia“ bezeichnet, wurde im
Jahre 1732 im Auftrag Questenbergs komponiert und im Herbst desselben Jahres
Die Repräsentation der Habsburg-Lothringischen Dynastie in Musik, visuellen Medien und Architektur
1618–1918
Representing the Habsburg-Lorraine Dynasty in Music, Visual Media and Architecture
- Titel
- Die Repräsentation der Habsburg-Lothringischen Dynastie in Musik, visuellen Medien und Architektur
- Untertitel
- 1618–1918
- Herausgeber
- Werner Telesko
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20507-4
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 448
- Kategorien
- Geschichte Vor 1918