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Musikdramatische Aufführungen als Spiegel musikalischer Feste am Wiener Kaiserhof 291
circa 1670 wurde am Kaiserhof in Huldigungsopern (v. a. in den kleineren musik-
dramatischen Gattungen) die Mitwirkung der Kinder der Kaiserfamilie wie von de-
ren Gespielen und Gespielinnen aus den Reihen des Hofadels immer häufiger. Ein
interessantes, obwohl wenig bekanntes Werk dieser Gruppe stellt die Serenata Her-
cules und Onfale von Johann Heinrich Schmelzer aus dem Jahre 1676 dar.22 Solche
Aufführungen waren auch Ausdruck der Vorliebe und des hohen persönlichen Inter-
esses der Habsburger für Musik bzw. der außerordentlichen Musikalität vieler ihrer
Mitglieder. Ein Höhepunkt dieser Praxis ist unter Kaiser Karl VI. zu verzeichnen,
dessen Töchter, die Erzherzoginnen Maria Theresia und Maria Anna, in kleineren
Serenaten von Antonio Caldara und Francesco Bartolomeo Conti gesungen haben.
Ein weiteres beachtenswertes Werk ist Caldaras Serenata Ghirlanda di fiori (1726),
die zum Namenstag der Gräfin Marianna von Althann, geb. Pignatelli, von ihren
Kindern aufgeführt wurde.
Auch in Jarmeritz wurden mehrere Werke als von Kindern gesungene „Operet-
ten“ (also kleinere Opern) oder Komödien aufgeführt, doch waren es nicht Questen-
bergs eigene Kinder, sondern Mitglieder der begabten Jarmeritzer Jugend, die auf der
Bühne agierten. Ein typisches Beispiel dieser Praxis stellt die Serenata Der glorreiche
Nahmen Adami dar.23 Das Libretto stammt von dem Jarmeritzer Kaplan Jacob Zie-
liwsky, die Musik vom Questenberg’schen Kapellmeister und Hauskomponist Franz
Anton Mitscha. Die Serenata wurde zum Namenstag Questenbergs 1734 aufgeführt.
Das Werk hat zwei Teile: Der erste, Die sieben Planeten, wurde auf einen ursprüng-
lich deutschen Text komponiert; der zweite Teil, Die vier Elemente, ist eine Verto-
nung eines original tschechischen Texts. In beiden Teilen dieses Huldigungswerks
traten Solisten aus Jarmeritz auf – im ersten Teil Erwachsene, im zweiten jugendliche
Sängerinnen, zwischen elf und vierzehn Jahren alt. Die Inspiration durch die Praxis
am Wiener Hof ist offensichtlich, doch mit dem entscheidenden Unterschied, dass
am Kaiserhof die kaiserlichen Töchter aufgetreten sind, in Jarmeritz (auch mangels
gräflicher Kinder) die Untertanen Questenbergs. Der Graf nahm also – als pater
familias seiner Untertanen – eine symbolische Rolle als geistiger Vater der talentier-
ten Jarmeritzer Jugend an. Sicherlich sollte dieses Stück auch zeigen, dass die Sorge
Questenbergs um die Ausbildung seiner Untertanen auf einen fruchtbaren Boden
gefallen war (Abb. 3).
Wie bekannt – und beispielsweise von Franz Matsche für den Bereich von bil-
dender Kunst und Architektur genau dokumentiert – hat Karl VI. die Künste als
Ausdruck seiner Politik verwendet.24 Architektur, bildende Kunst und Musik sollten
im Rahmen seiner Kunstpolitik nicht nur als Zeugnis der Fähigkeiten und Tugen-
den eines Herrschers dienen, sondern auch als Manifestation der kaiserlichen bzw.
habsburgischen Ideologie und als Propaganda. Das Bild der idealen Regierung wurde
Die Repräsentation der Habsburg-Lothringischen Dynastie in Musik, visuellen Medien und Architektur
1618–1918
Representing the Habsburg-Lorraine Dynasty in Music, Visual Media and Architecture
- Titel
- Die Repräsentation der Habsburg-Lothringischen Dynastie in Musik, visuellen Medien und Architektur
- Untertitel
- 1618–1918
- Herausgeber
- Werner Telesko
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20507-4
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 448
- Kategorien
- Geschichte Vor 1918