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Musikdramatische Aufführungen als Spiegel musikalischer Feste am Wiener Kaiserhof 297
meritzer Schlosses. Es handelt sich dabei um eine Abendszene mit einem beleuche-
ten Garten und einer reich gedeckten Tafel.35 Auch der andere Teil des Jarmeritzer
Schlossgartens spiegelt sich in den Bühnenbildern als „ein angenehmes Wäldlein mit
Frucht, Lauben und Wasen, Bancken dabey auch Springbrunnen“.36 Insofern kann
diese Oper und ihre Inszenierung als panegyrisches Gesamtkunstwerk angesehen
werden, in dem nicht nur der auftraggebende Graf als titelgebende Person gleich-
sam auf der Bühne stand, sondern in dem in den Bühnenbildern auch sein ganzes
‚Imperium‘ gezeigt und verherrlicht wurde, auf das Questenberg zu Recht mit Stolz
blickte (Abb. 4).
Dieser Beitrag wollte auf die ungewöhnlich große Zahl an Aufführungen
musikdramatischer Werke in Mähren durch den dort ansässigen Adel in der ersten
Hälfte des 18. Jahrhunderts hinweisen. Anders als in Böhmen war es den mährischen
Adeligen offenbar ein wichtiges Anliegen, auch durch die inhaltliche wie formale
Nachahmung der Kunstproduktion des Kaiserhofs sich diesem anzunähern und eine
Verbundenheit mit ihm zu demonstrieren. Nach dem aktuellen Stand der Forschungen
ging Johann Adam Graf von Questenberg in diesen Bestrebungen am weitesten. Er
beauftragte nicht nur prominente Künstler des Kaiserhofs (oder dessen Umfelds)
mit der Realisierung seiner Projekte, sondern machte die Herrschaft Jarmeritz mit
den dortigen Aufführungen zu einem Anziehungspunkt für den mährischen Adel.
Bemerkenswert ist auch die Verwendung von Topoi und Narrativen des Kaiserhofs
und deren Umformung, um Questenbergs Person, seine Lebensziele und politischen
Leitbilder im wahrsten Sinn des Worts ‚in Szene‘ zu setzen. Wie weit die anderen
in diesem Beitrag genannten Aristokraten in Questenberg ein Vorbild sahen, mit
ihm bei ihren Opernprojekten zusammenarbeiteten oder davon unabhängig ihre
Opernpflege an Wien und dem Kaiserhof ausrichteten, ist Gegenstand weiterer
Forschung.
Deutsch von Vlasta und Hubert Reitterer
Anmerkungen
1 Über die mährische Aristokratie und ihr Verhältnis zur Musik vgl. Jiří Sehnal, Die adeligen Musik-
kapellen im 17. und 18. Jahrhundert in Mähren, in: Otto Biba/David Wyn Jones (Hg.), Studies in
Music History Presented to H. C. Robbins Landon on His 70th Birthday, London 1996, 195–217
und 266–269. Zum böhmischen musikliebenden Adel vgl. vor allem Tomislav Volek, České záme-
cké kapely 18. století a evropský hudební kontext [Böhmische Schlosskapellen des 18. Jahrhunderts
und ihr europäischer musikalischer Kontext], in: Hudební věda 34/4 (1997), 404–410, und Václav
Kapsa, Account books, names and music. Count Wenzel von Morzin’s Virtuosissima Orchestra, in:
Early music 40/4 (2012), 605–620. Weiters auch Ders., Šlechtické kapely v českých zemích doby
baroka. Staré a nové otázky jejich zkoumání [Die adeligen Kapellen in den böhmischen Ländern
Die Repräsentation der Habsburg-Lothringischen Dynastie in Musik, visuellen Medien und Architektur
1618–1918
Representing the Habsburg-Lorraine Dynasty in Music, Visual Media and Architecture
- Titel
- Die Repräsentation der Habsburg-Lothringischen Dynastie in Musik, visuellen Medien und Architektur
- Untertitel
- 1618–1918
- Herausgeber
- Werner Telesko
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20507-4
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 448
- Kategorien
- Geschichte Vor 1918