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304 Sektion IV: Zeremonielle Räume und die „Öffentlichkeiten“
der die vielfach zu plakativ interpretierte ‚Kaiserstil‘-Hypothese8 für die Musik. Denn
die diversen Stücke von Fux (in vielen Fällen geistliche Werke) wurden keineswegs
1:1 aus der Hofmusikkapelle übernommen, sondern den örtlichen Gegebenheiten
bzw. bei längerem Gebrauch auch neuen stilistischen Moden angepasst und durchaus
selbstbewusst bearbeitet, d. h. die Usancen am Kaiserhof nach den örtlichen Gege-
benheiten modifiziert. Damit wurde aber auch die Gültigkeit des höfischen Klang-
raums verändert, in welchem diese Werke von Fux Bestand hatten; letztere wurden
lokalen oder stilistischen Kriterien angepasst und damit in neue Öffentlichkeiten
übertragen. Auch die Person des Komponisten erfuhr offenbar im Laufe der Zeit
eine Transformation: Sie wurde immer weniger als ‚Caroli VI. erster Capellmeister‘
gesehen (das Siegel, mit dem sich der Komponist selbst und seine Zeitgenossen ihn
versahen), sondern zunehmend als ‚österreichischer Palestrina‘, als der große Kon-
trapunktlehrer, als der ihn sein Karl VI. gewidmetes Lehrwerk Gradus ad Parnassum
(1725) auswies – ein Bild, das bereits in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts das Bild
des berühmten Hofkapellmeisters zu überdecken begann. Wie aus den Tabellen her-
vorgeht, wurde auch das Werk in diesen Prozess miteinbezogen. Es repräsentierte im-
mer weniger den Kaiserhof und dessen Hofmusikkapelle, sondern mutierte zu – und
dies ist daran abzulesen, welche Werke nun verstärkt rezipiert wurden – Lehrwerken
und Beispielliteratur des großen Kontrapunktlehrers Fux.
Mirjana Repanić-Braun (Institute of Art History, Zagreb) erläutert in ihrem
Beitrag Representation of the Habsburgs in Croatian Historical Lands. Public Spaces
and Religious Art as Public Tools die unterschiedlichen Möglichkeiten der symboli-
schen Landnahme durch die habsburgischen Landesherrn. Ein besonders einpräg-
sames Beispiel für die herrscherliche Präsenz im öffentlich-städtischen Raum bietet
die Küstenstadt Rijeka. Das dort 1753 in der heutigen Form errichtete Stadttor mit
den Reliefbüsten Leopolds I. und Karls VI., dessen komplizierte Entstehungs- und
Veränderungsgeschichte aufgerollt wird, zeigt die erstaunlich großzügige Gewährung
von öffentlichem Raum durch die Stadtverwaltung für die Darstellung der Habsbur-
ger. Als anschauliches Beispiel für die symbolische Beherrschung des sakral-liturgi-
schen Raums nennt die Autorin die 1756/63 erbaute Kirche der – von Bischof Franjo
Thauszy – neu gegründeten Pfarre von Požega. Dem Patrozinium entsprechend ist
das Hochaltarblatt der hl. Theresa von Avila, Namensheilige der Königin Maria The-
resia, die das Blatt auch persönlich gestiftet hatte, gewidmet, die von der bemerkens-
werten Ausformung des Altarabschlusses als Stephanskrone als ungarische Königin
angesprochen wird. Beide Beispiele zeigen die komplexe und mehrseitig angelegte
Interessenslage habsburgischer Repräsentation.
Symbolische Repräsentationshandlungen mit unmittelbarer Auswirkung auf die
Realpolitik und ihre bisweilen eminent politisch-ausgleichende Funktion stellt Pe-
Die Repräsentation der Habsburg-Lothringischen Dynastie in Musik, visuellen Medien und Architektur
1618–1918
Representing the Habsburg-Lorraine Dynasty in Music, Visual Media and Architecture
- Titel
- Die Repräsentation der Habsburg-Lothringischen Dynastie in Musik, visuellen Medien und Architektur
- Untertitel
- 1618–1918
- Herausgeber
- Werner Telesko
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20507-4
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 448
- Kategorien
- Geschichte Vor 1918