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Zagreb/Agram als zeremonieller Raum 1895 377
im Lande unterdrücken und den kroatischen Nationalismus bremsen musste – doch
hatten seine Bemühungen ganz unerwartete Auswirkungen. Drittens musste Khu-
en-Héderváry auch den in Zagreb anwesenden ungarischen Ministerpräsident Desi-
derius Bánffy (1843–1911) zufriedenstellen. Die Position des Banus hing nämlich
gänzlich von der ungarischen Regierungspolitik ab: Ohne die zumindest nominale
Unterstützung von Budapest hätte sich Khuen-Héderváry trotz der Hilfe des Kaisers
nicht dauerhaft in Kroatien-Slawonien halten können. Wegen seiner offenen Verbin-
dung mit Wien und Franz Joseph (der Banus galt schon 1894/1895 als möglicher
Kandidat für den ungarischen Ministerpräsidenten, eine Stelle, die er später, 1903
und 1910–1912, inne haben sollte) war der Banus schließlich inmitten des steigenden
und rücksichtslosen magyarischen Chauvinismus unter Druck geraten. Der einstige
ungarische Ministerpräsident Kálmán Tisza (1830–1902), mit dem Khuen-Héder-
váry auch familiäre Verbindungen hatte, unterstützte den Banus als Vertreter des Du-
alismus. Als das dualistische politische System der Monarchie in eine permanente
Krise geriet, wurde mit Ministerpräsident Bánffy der Chauvinismus der ungarischen
Regierung offensichtlich.32 In Budapest galt es als eine patriotische Pflicht, die Konso-
lidierung der Nation, also die politische Einheit des Staats, zu fördern. Hierbei stellte
das Dreieinige Königreich Dalmatien, Kroatien und Slawonien mit autonomen Rech-
ten, durch den Ungarisch-Kroatischen Ausgleich abgesichert, ein Hindernis dar. Die
offizielle Dimension der Kaiserreise wurde deswegen auch von ungarischen Elementen
geprägt – man wollte Budapest versichern, dass der Banus keine unabhängige Politik
betrieb, sondern fest mit der ungarischen Regierung verbunden blieb. Wichtig in die-
sem Sinne waren nicht nur ungarische Fahnen, Wappen und Symbole, die Beteiligung
verschiedenster Firmen und Produzenten aus Budapest, amtliche Deputationen aus
vielfältigen Teilen Ungarns sowie eine große Delegation der ungarischen Regierung,
sondern auch kleinste Details wie zum Beispiel der gelbe Sand, der aus Ungarn ge-
bracht und am Bahnhof aufgestreut wurde, sodass Franz Joseph symbolisch seinen
ersten Schritt auf ungarischer Erde machte und erst danach kroatisches Land betrat.33
Verbittert schrieb eine kroatische oppositionelle Zeitung vom „naturell importierten
ungarischen Schlamm“ und dass sich der Bahnhof nur mit Hilfe der gelben Farbe von
einem „großen Paprika“ unterschieden habe.34 Es war also wichtig, den zeremoniellen
Raum des Spektakels neben den dynastischen, den ‚gesamtmonarchischen‘ und kro-
atischen Elementen auch mit ungarischen Symbolen zu markieren. So wurde Zagreb
im Oktober 1895 nicht nur zum politischen Schlachtfeld, sondern auch zum zere-
moniellen. Der zeremonielle Raum erfasste im Kleinen den größten Teil des ‚Makro-
kosmos‘ der Monarchie, er sollte Habsburg und die Monarchie, Kroatien-Slawonien
und Ungarn, aber auch alle Konfessionen der Monarchie, Serbiens, Bosniens und
Herzegowinas, Dalmatiens, Istriens usw. repräsentieren.
Die Repräsentation der Habsburg-Lothringischen Dynastie in Musik, visuellen Medien und Architektur
1618–1918
Representing the Habsburg-Lorraine Dynasty in Music, Visual Media and Architecture
- Titel
- Die Repräsentation der Habsburg-Lothringischen Dynastie in Musik, visuellen Medien und Architektur
- Untertitel
- 1618–1918
- Herausgeber
- Werner Telesko
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20507-4
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 448
- Kategorien
- Geschichte Vor 1918