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Ironie, mit der die Problemlagen aufgezeigt und die Brüche mit der
Traditionmarkiertwerden, ohne selbst einenEntwurf zuwagen.
WenndiesepostmodernenVerhältnissedesWissensnichtmehreine
Zukunft, sondern den Status quo (eines spezifischen und privilegierten
TeilesderGesellschaft)darstellen,derzwarnoch(zurecht)kritisiertwird,
mit demman aber alsNormalität umgehenmuss, um inderGegenwart
wirksamseinzukönnen, stellensichdiealtenFragenwiederneu:Was ist
dannwichtig?Waswird relevant zu könnenund zuwissen?
Dazu vier Spekulationen:
1.Wenn die vollständige Verfügbarkeit vonWissen alltäglich ge-
fühlte Realität ist, wird auch Bildung womöglich immer weniger als
Besitz und Verfügbarkeit (letztlich also als Kapital) eines Menschen,
sondern immermehr alsBezugeinesMenschenauf einenStoff (letztlich
also als Interaktion, emphatischer: alsDialog) erfahren.Vielleicht rückt
dadurchmehr in denFokus, dass Bildung nicht nur eine Frage von In-
halten undKompetenzen, sondern auch eine vonBezügen undBezie-
hungist:dassmirmeinGrossvatervonNapoleonerzählthat–unddasgut
konnte – bedeutet etwas ganz anderes als, dass er wusste, wo nachzu-
schlagen,umdieElementederhistorischenErzählungzufindenoderdass
ichnochwiedergebenkönnte,waserdamals genaugesagthat.Oderder
Mathematiklehrer, der Integrale im Kopf ohne Taschenrechner be-
rechnen konnte, abermir auch gezeigt hat,wiemandenApple IIemit
BASICdazuprogrammiert: esbleibt eineSachemeinesBezuges aufden
Bezug,dendieseMenschenauf ihreThemenhatten,dermirzurauchzur
Quelle von Bildungwurde, indem sich später daran Vieles anknüpfen
ließ. Das ist natürlich auch nicht neu, doch eine post-digitale Bildung
könntenebendernotwendigenGelehrsamkeit,denKompetenzensowie
Versuchen, diese zu übertragen, sich stärker darauf konzentrieren, das
spezifische, konkrete singuläre Verhältnis erfahrbar zumachen, das ein
MenschzuFragen,IdeenundGegenständenseinesInteressesbildet.Post-
digitale Bildung wäre dann insbesondere eine Teilnahme an der Teil-
nahme eines Anderen an Anderem. Expertise und der Maßstab der
Qualität solcher Bildungwürden sich dadurch auszeichnen, dass durch
dieses sichtbar-werdende Verhältnis sich auch Anderen Zugänge zu
diesenThemen,Dingen,VorgängenoderWeseneröffnenoderAnderen
die eigenen Bezüge zu ihren eigenen Themen und Fragen besser ver-
ständlich würden. Dialog und Austausch diente hier nicht der Über-
zeugung derAnderen oder derHerstellung vonKonsens, sondern dem
Erscheinen undBilden von singulärenVerbindungen. Ich denke dabei
auch an Hannah Arendts Figur von Sokrates und die Form von doxa
Robin
Schmidt62
Was macht die Digitalisierung mit den Hochschulen?
Einwürfe und Provokationen
- Titel
- Was macht die Digitalisierung mit den Hochschulen?
- Untertitel
- Einwürfe und Provokationen
- Autoren
- Marko Demantowsky
- Gerhard Lauer
- Robin Schmidt
- Herausgeber
- Bert te Wildt
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Ort
- Oldenburg
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-11-067326-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 206
- Schlagwörter
- Bildung, Schule, Technik, Universität, Digitalisierung
- Kategorie
- Technik