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(Meinung), die sie imAugehat,wenn sie darüber spricht,wie Sokrates
ein singuläres Verhältnis zu einer Idee für maßgeblich erachtet – in
AbgrenzungzuPlaton,derdasUniverselleder Ideebetontunddemder
konkrete Bezug zum Einzelnen dabei als Hindernis erscheint (Arendt
2016und2018). –Wie sähe dannuniversitäre Lehre aus?
2. Post-digitale Bildung zeichnete sichweniger durch die Fähigkeit
zurAntwort als durch die Fähigkeit zur Frage aus.Angesichts derOm-
nipräsenzvonschnellenAntwortenundeinerallgemeinenVerfügbarkeit
vondeklarativemWissenkannverstärkt gefragtwerden:Wie ist es, den
Menschen (dieSchülerinnenundSchüler, Studierenden,Lehrpersonen,
ProfessorinnenundProfessorenusw.) als fragendesWesenzuverstehen?
SelbstwenndasWissenalsAntwortallenzurVerfügungsteht,denkeich–
anders als Lyotard – dass es nicht genügt, nur zu lernen, die richtigen
Fragen an dieDatenbanken zu richten.Auch bestehendesWissenmuss
immerwiederneuerschlossen,beurteilt,organisiertundverteiltwerden.
Dazuwird es auch inZukunft SchulenundHochschulenbrauchen, die
sich umdas deklarativeWissen kümmernundMenschen ausbilden, die
einen solchenBezug zuWissen erworben haben, dass sie darin sowohl
fachlichwie verantwortlich urteilen können. Der Fokus der Bildungs-
prozesse könnte sich aber erweitern: Bildungseinrichtungen könnten
auchOrtewerden, andenenderMensch als Fragender existierenkann,
ohnedafür sanktioniert zuwerden. InAnlehnunganCusanus’ belehrter
UnwissenheitkönntenHochschulenauchOrte sein,andemmansichan
derGrenzedesNoch-nicht-Gewusstenaufhaltenkannunddafürbelohnt
wird, während das heutige Bildungssystem diejenigen privilegiert, die
(vermeintlich) wissen, ohne Zweifel auftreten und sich gegen andere
durchMacht durchsetzen. Ich denke dabei auch an das, was sich nach
einem sokratischen Dialog einstellen kann: wenn die Frage durch die
erlebteAporie eigentlich erst richtig anwesend ist und sich keine intel-
lektuelleAntwort undkeinKonsens einstellt.Dannentscheidet sich, ob
die Frage eine solche ist, die bleibt und ob ichmich an dieser auch im
Lebenausrichtenwerde.Einepost-digitaleForschungwürdesovielleicht
versuchen, auf der Grundlage desWissens das Finden, Herausarbeiten
undArtikulieren sowie das Lebenmit Fragen zubefördern –durch ge-
eigneteOrte, in denen zögerliches, unsicheres Sprechenund intensives,
offenesZuhörenmöglich ist.
3. Eine post-digitale Universität könnte die Beliebigkeit der Post-
moderne ins Positive um- oder zurückwenden: Das Beliebige ist ur-
sprünglich dasQuodlibet – das, was beliebt (Agamben 2003, 7ff). Das
QuodlibetwareinmaleineakademischeDisziplin.EswareineWeise,das
Post-digitaleBildung 63
Was macht die Digitalisierung mit den Hochschulen?
Einwürfe und Provokationen
- Titel
- Was macht die Digitalisierung mit den Hochschulen?
- Untertitel
- Einwürfe und Provokationen
- Autoren
- Marko Demantowsky
- Gerhard Lauer
- Robin Schmidt
- Herausgeber
- Bert te Wildt
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Ort
- Oldenburg
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-11-067326-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 206
- Schlagwörter
- Bildung, Schule, Technik, Universität, Digitalisierung
- Kategorie
- Technik