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UteKalender
Zählen versus Erzählen?Gedanken zuDigitalisierung
undBildung
„GebildeteSubjektivitätkannniegezählt, siekannnurerzähltwerden!“–
so ein noch immerweit verbreitetes Credo vieler Geisteswissenschaft-
ler*innen, geht es um dieDigitalisierung der Lehre, der eigenenWis-
sensbestände, ja der Bildung imAllgemeinen. Ausgedrückt wird damit
eintiefesMisstrauengegenübereinerPolitikderZahl,hierverstandenals
das FaktumunddasVersprechen, immermehr sozialeMilieus inklusive
derBildung für algorithmischesRegieren zuöffnen, zu erschließenund
zudurchdringen (Alonso, Star 1987;Doneda,Almeida 2016).
Oft imaginiert das kritische Credo ein der Digitalisierung vorgän-
giges, ungeteiltes, unentfremdetes Bildungs-Subjekt, mal mehr, mal
weniger ausgesprochen. Es ist ein Bildungs-Subjekt das jenseits seines
Ideals nie existiert hat, dennoch aber dem digital geteilten Bildungs-
subjekt entgegengestellt wird. Eswerde in derDigitalisierung entwirk-
licht, entsinnlicht,manipuliert, vor allem aber ökonomisiert. Siehtman
sichaberdieErfahrungsweltenjeneran,dieinundmitderDigitalisierung
leben, lässt sich ein solcher Einspruch nicht halten. Erfahrung ist kein
unproblematischer, nie ein unschuldigerBegriff.Dennoch: viele digital
Vermessene sagen,dassdasDigitale für siebedeutet, endlicheinmalganz
wahrgenommen zuwerden, endlich als sie selbst anerkannt zuwerden.
Transgender-Jugendliche erfahren erst im Internet, dass es außer Ihnen
nochanderegibt,diesichähnlichfremdinderSchule,aufdemSportplatz
und in der eigenen Familie fühlen (Erlick 2018). Teilnehmende von
Gesundheitsstudien durchlaufen ein sechsstündiges, hochgradig digitali-
siertes Forschungsprogramm und beschreiben das Studienzentrum im
GegensatzzurHausarztpraxisalseinenOrt,andemsiealsMenschvollzur
Geltungkommen (Kalender&Holmberg 2019).
Als eine kritische Gegenpraxis gilt das digitale Detoxen – dieMe-
dienenthaltsamkeit.Vonmir selbst gernundgenussvoll praktiziert,wird
digitales Detoxen auch von Lehrenden und Lernenden regelmäßig als
angemesseneHaltung indigitalenZeitenangepriesen. ImGrunde ist die
Forderung des Medienverzichts aber ein Mittelschichtsmantra, eine
kritischeBekundung eben jener, die über dieMittel derDigitalisierung
verfügen,daranteilhaben,bereitsTeil–Geteilte–sind(Avanessianabger.
Open Access. © 2020 Ute Kalender, publiziert von De Gruyter. Dieses Werk ist
lizenziert unter der Creative Commons Attribution-NonCommercial-NoDerivatives 4.0 Lizenz.
https://doi.org/10.1515/9783110673265-006
Was macht die Digitalisierung mit den Hochschulen?
Einwürfe und Provokationen
- Titel
- Was macht die Digitalisierung mit den Hochschulen?
- Untertitel
- Einwürfe und Provokationen
- Autoren
- Marko Demantowsky
- Gerhard Lauer
- Robin Schmidt
- Herausgeber
- Bert te Wildt
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Ort
- Oldenburg
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-11-067326-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 206
- Schlagwörter
- Bildung, Schule, Technik, Universität, Digitalisierung
- Kategorie
- Technik