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2019) und diemeist mit dem sogenanntenGlobalenNorden assoziiert
werden.
Eine solche politische Praxis provoziert geradezu denEinspruch je-
ner, die inZonen des globalen Südens leben.Oder dieGegenrede be-
freundeter BerlinerKünstler*innen, dieMonate auf ein iPhone sparen,
denRechner nicht reparieren lassen können, kein Geld für ein neues
Ladekabel haben. Oder den Einspruch jenes Geflüchteten, der sich in
seinerUnterkunft umgebracht hat,weil sein Smartphone kaputt ging –
under sonicht längerKontaktzuseinerFamiliehaltenkonnte.Oderdas
UnbehageneinerFraunacheinemlangenWorkshop-Wochenende,das
zudigitaler Enthaltsamkeit aufgefordert hatte.
Digitales Detoxen ist eine Haltung, die an den großen Fragen der
Digitalisierungvorbeigeht.Zudurchdenkenwäre eher, umImpulse aus
einemvorabderKlausur zirkuliertenPitch aufzunehmen:Mitwelchen
ausgrenzendenStadtpolitikengehtdieErrichtungeinesGoogleCampus
einher?Werkannsich leisten, inderUmgebungzuwohnen?Wermuss
wegziehen?Wen adressiert der Google Campus als ideales Bildungs-
subjekt? Die Diversen zwar, aber immer die kognitiv Starken? Auf
welchenfalschenDiversity-VorstellungenbasierendieBildungspolitiken
Googles?Welche neuen Formen des Datenkolonialismus (Couldry &
Mejias2019), impliziertdieDigitalisierungderBildung?WirdderLern-
Algorithmus verbessert?Oder fließt derGewinn andieLernendenund
Lehrenden in den Institutionen zurück, die Inhalte enmasse und un-
bezahlt bereitstellen – oder anders ausgedrückt: ohne deren flüchtigen,
ephemeren Praktiken, ohne deren affektive, feminin codierte Arbeit
keine Plattform je existieren kann. Wer verfügt schließlich über die
Ressourcen,umzueinemdigitalenBildungssubjektwerdenzukönnen?
So bindet Corinna Schmechel in ihrer feinkonturierten, empirischen
Analyse vonGeschlechtersubjekten derQuantified-Self-Bewegung die
Debatte um digitale Selbstvermessung an Fragen von gesellschaftlicher
Ungleichheit in der Sorgearbeitsverteilung. Die Sportsoziologin stellt
AussagenvonFrauenausOnlineforenindenMittelpunkt,diesagen,dass
siegernminutiös jedeKörperregung, jedeGewohnheitundjedesGefühl
protokollieren, sichzeitintensivdas technischeKnow-howaneignenund
mitGleichgesinntenaustauschenwürden,aberdreiKinderhättenundihr
wenigesGeld in derBioCompanyund ihre knappeZeit beim selbstge-
kochtenEssen amHerd ließen (Schmechel 2016).
Schließen möchte ich mit der Imagination neuer Ästhetiken der
Existenz, wie sie auch der Abendvortrag von Sara Lisa Vogl auf der
Dießener Klausur anriss, aber auch der momentane Glitch- oder
UteKalender72
Was macht die Digitalisierung mit den Hochschulen?
Einwürfe und Provokationen
- Titel
- Was macht die Digitalisierung mit den Hochschulen?
- Untertitel
- Einwürfe und Provokationen
- Autoren
- Marko Demantowsky
- Gerhard Lauer
- Robin Schmidt
- Herausgeber
- Bert te Wildt
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Ort
- Oldenburg
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-11-067326-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 206
- Schlagwörter
- Bildung, Schule, Technik, Universität, Digitalisierung
- Kategorie
- Technik