Seite - 102 - in Was macht die Digitalisierung mit den Hochschulen? - Einwürfe und Provokationen
Bild der Seite - 102 -
Text der Seite - 102 -
AllesGenannte tritt inKonfliktmit einerRolle, diedieHochschule
in der deutschenGesellschaft gespielt hat und noch heute spielt. Sie ist
nämlicheinOrtderAbgrenzung,derDistinktion:DerUngebildetenvon
denGebildeten,derStudierendenvondenDoktorierendenundvonden
Professorinnen und Professoren. Obwohl sich das vonHochschule zu
Hochschule und von Fach zu Fach unterscheidet, ist das Bestehen auf
Titeln, gewissenKonventionen und Status in derAcademia berüchtigt.
Unter anderem durch formalisierte Abschlüsse und eine eigene, ab-
sichtlich distinguierte Sprache erfüllt dieHochschule die Funktion, ge-
sellschaftliche Schichten voneinander zu trennen. In dieser Eigenschaft
steht sie derDigitalisierungdiametral entgegen.
DieSchwierigkeitderAnpassungbestehtalsonicht,wiehäufigzitiert,
ineinemMangelanZeitoderanfinanziellenMittelnoderanKonzepten.
Die größte Schwierigkeit – diese Erfahrung zieht dieAutorin aus ihrer
eigenen praktischen Arbeit in der Digitalisierung verschiedener Bil-
dungsinstitutionen– liegt indenRollen.Wie sehenLehrende sich?Wie
sehen sieLernende?WiewerdenKonzeptevonAutorität,Respektund
Kontrolle implizit auf das eigeneHandeln angewendet?Wir alle haben
eine Vorstellung davon, was unsere Rolle in der Gesellschaft ist. Die
Rolle von „Professor“ ist geprägt von Jahrzehnten des Beobachtungs-
lernens,damit auchvon innerenSchemata,dieeinemselbstoftgarnicht
bewusst sind.DerAkt, sichvoneinemStudierendenetwasbeibringenzu
lassen,oderunfertigeFolienzuzeigen,oderKolleginnenbzw.Kollegen
perTweetumRatzufragen,konfligiertmitderErfüllungdieserRolle.Je
mehrAutorität einerRollezugeschriebenwird,desto schwieriger fällt es
der Inhaberin oder des Inhabers einer Rolle, etwas Unfertiges oder
Unperfektes zupräsentieren.Dies ist aber,wasdieDigitalität abverlangt.
DiewirklicheVeränderung der Institution kann also nicht von der
Institution selbst ausgedacht werden. Es ist fast unmöglich, das System
HochschulemitdigitalenMittelnzureproduzieren. Jedenfallswürdedas
eine völlig sinnfreieÜbung sein.Digitalisierung der Bildung bedeutete
nie, dassman die Bücher jetzt als PDF auf demTablet liest.Wirkliche
Veränderung hin zu Digitalisierung muss von der Seite der Anforde-
rungen der digitalenWelt gedacht werden. Sie reformiert die gesamte
Institution.Dies bedeutet zwei gangbareMöglichkeiten: entwederman
tauscht alle Menschen aus, die in der Institution arbeiten – oder man
reformiert dieMenschenmit.
DieFrage lautet alsonicht:„WiedigitalisierenwirArbeitsprozesse?“
sondern „Wie verändern wir Rollenbilder?“. Das ist keine einfache
Angelegenheit. Je länger Menschen gelernt haben, wie eine Rolle zu
MarinaWeisband102
Was macht die Digitalisierung mit den Hochschulen?
Einwürfe und Provokationen
- Titel
- Was macht die Digitalisierung mit den Hochschulen?
- Untertitel
- Einwürfe und Provokationen
- Autoren
- Marko Demantowsky
- Gerhard Lauer
- Robin Schmidt
- Herausgeber
- Bert te Wildt
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Ort
- Oldenburg
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-11-067326-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 206
- Schlagwörter
- Bildung, Schule, Technik, Universität, Digitalisierung
- Kategorie
- Technik