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Authentizität ist also weniger in den Dingen selbst verortet als im Museumsraum,
der sie umfängt, oder genauer: Der Museumsraum ist die Voraussetzung für das Als-
authentisch-Erleben der Exponate, und die Authentizität selbst wiederum entsteht −
im Gegensatz zum konkreten, von der Ausstellung vermittelten Wissen − weder in-
duktiv noch deduktiv, sondern in allererster Linie abduktiv. Im Museum nämlich
stellt sich die Frage, ob etwas authentisch ist, idealerweise gar nicht erst. Authentizi-
tät im Sinne einer äußeren Beglaubigung darf schlicht vorausgesetzt werden, weil ja
die Musealisierung selbst jener Prozess ist, in welchem materielle Gegenstände als
mediale Träger kulturell bedeutsamer Inhalte institutionell beglaubigt werden. Indem
Museen Dinge aus einer Alltagswelt entführen, in welcher durch ihre Physiognomie
hindurch direkt auf ihre rohe Funktionalität geblickt wird, weist es diese zugleich als
Signifikanten in einem kommunikativen System aus. Für den Museumsbesucher
heißt dies, dass er bei Betreten eines Ausstellungsraumes gar nicht mehr darüber sin-
nieren muss, ob sich in seiner Umwelt Spuren womöglich an ihn gerichteter Mittei-
lungen befinden könnten. Vielmehr versteht sich in der musealen Situation die Be-
deutsamkeit der Dinge von selbst. Gerade deshalb ist es womöglich so schwierig,
Museen als ›Foren‹ und hierarchisch flache Diskursarenen anzulegen: Ihre grund-
sätzlichste Funktion ‒ nämlich jene, materielle Dinge als Träger historischer Bedeut-
samkeit zu sammeln und auszustellen ‒ können Museen nur dann ausüben, wenn die
von ihrem Vermittlungsauftrag anvisierte Öffentlichkeit ihnen die Autorität zuge-
steht, diese Bedeutsamkeit ohne vorgeschaltete Diskussion mit dem Publikum erst
einmal zu setzen. Duncan Camerons Metapher vom Museum als ›Tempel‹ wird hier
überaus sinnfällig: Auch Gotteshäuser können eben keine Grundsatzdiskussion dar-
über zulassen, ob das vermeintlich höhere Wesen, zu dessen Ehren sie erbaut wurden,
tatsächlich wirklich und heilig ist. Museen und Kirchen leisten gleichermaßen jene
Realisierung eines »Regierungshandeln[s] ohne jegliche Begründung im Sein«, wel-
che Giorgio Agamben als das definitorische Kriterium eines Dispositivs ausmacht
(Agamben 2008: 23).
3.3.2 Raum als Metapher und Programm
Nun sind digital-virtuelle Medientechnologien, wie bereits dargestellt wurde, zwar
durchaus Techniken der ›Realisierung‹ bzw. der Aktualisierung von Objekten aus
dem augenscheinlichen ›Nichts‹, aber das sich mit ihnen verbindende kommunikativ-
kulturelle Paradigma steht unter ganz anderen Vorzeichen als jenen institutioneller
Autorität und räumlicher Abgeschlossenheit. 2002 veranstaltete die Nobel-Stiftung
in Stockholm ein Symposium über Virtual Museums and Public Understanding of
Science and Culture, in dessen Rahmen David Filkin das zentrale Problem bei digi-
talen Museumsprojekten in einer für den etablierten Museumsbetrieb schwer verdau-
lichen Machtverschiebung hin zu den Rezipienten verortete. »They have all the
Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Titel
- Dinge – Nutzer – Netze
- Untertitel
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Autor
- Dennis Niewerth
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 428
- Schlagwörter
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Kategorie
- Medien