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was nicht, was also als distinktes Etwas erscheint und was in Strukturen höherer Ord-
nung aufgeht, ist letztlich eine Frage der Perspektive und Verortung des Rezipienten
(vgl. ebd.).
Nun kann man einwenden, dass klassische Katalog- und Karteisysteme grund-
sätzlich durchaus ähnliches zu leisten imstande sind. So könnte man das Wissensob-
jekt ›Napoleon‹ mit zahlreichen anderen in das übergeordnete Objekt ›Frankreich‹
einordnen, dieses wiederum unter ein abermals übergreifendes Objekt wie ›Nation‹
oder ›Europa‹ subsumieren, usw. Allerdings liegen die Objekte im Wexelblatschen
Cyberspace nicht in wie Matrjoschka-Puppen ineinandersteckenden Schachteln
herum, sondern sie schweben durch einen offenen Bedeutungsraum, in welchem sie
von einander angezogen und abgestoßen werden, sich gegenseitig umkreisen und an
einander vorbeischießen. Insofern denkt Wexelblat Objekte im Cyberspace tatsäch-
lich eher wie Himmelskörper am Firmament, oder Elementarteilchen in einer Nebel-
kammer. Mit dieser Vorstellung geht einher, dass der Cyberspace grafisch nur un-
vollkommen zu visualisieren ist, weil jede topografische Abbildung nur eine Mo-
mentaufnahme aus einem Raum darstellen kann, der in ständiger Bewegung begrif-
fen ist (vgl. ebd.: 268f.).
Während Wexelblat in seinen Ausführungen eher auf der Ebene einer Vision des-
sen bleibt, was der Cyberspace seiner Ansicht nach leisten sollte, geht Marcos Novak
sehr viel expliziter darauf ein, wie sich der Umgang mit dem Cyberspace praktisch
gestaltet und was seine technischen Voraussetzungen sind. Vorbedingung eines ›Ein-
tretens‹ des Users ›in‹ den Cyberspace ist für Novak dabei die Möglichkeit, den Nut-
zer selbst in Information zu transformieren, bzw. auf technischer Ebene die Trennung
zwischen Rezipient und Rezeptionsgegenstand zu überbrücken oder aufzuheben (vgl.
Novak 1991: 225). Obwohl der Cyberspace häufig in den Kategorien physischer
Räumlichkeit beschrieben und diskutiert wird, sieht Novak in ihm vor allem eine
ephemer-poetische Aufhebung des Dualismus von individueller Person und Umwelt,
der unsere physische Raumerfahrung prägt: Sein kulturelles Versprechen ist die Ver-
mengung des Betrachters mit dem Raum, in dem er sich bewegt, und damit eine
grundsätzliche Neuverhandlung der Rollen und Bedeutungen von Subjekt und Objekt
(vgl. ebd.: 226).
Die technischen Voraussetzungen für diese Neuverhandlung sind laut Novak
zweierlei: Der Nutzer muss erstens über ein »deck« und zweitens über ein »protocol«
verfügen (ebd.: 233). Das ›deck‹ oder der »synthesizer« (ebd.) ist die technische An-
ordnung, die den Cyberspace in Form eines Interfaces visualisiert. Typischerweise
ist es also der physische Computer − sei er nun Desktop, Laptop oder Tablet − mit
dem der Nutzer interagiert. Das ›Protokoll‹ hingegen ist der Kommunikationsstan-
dard, welcher die Kommunikation sowohl mit dem Cyberspace selbst, als auch mit
allen anderen Decks ermöglicht, die mit ihm verbunden sind. Das Protokoll nach No-
vak meint damit nicht nur Netzwerkprotokolle im engeren Sinne, sondern auch Aus-
zeichnungssprachen, gemeinsame Interface-Standards und die komplette formale,
Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Titel
- Dinge – Nutzer – Netze
- Untertitel
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Autor
- Dennis Niewerth
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 428
- Schlagwörter
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Kategorie
- Medien