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eine ›verräumlichte Visualisierung‹ von Information, die sich innerhalb eines techni-
schen Kommunikationsapparates in Bewegung befindet. Genauso, wie ein leeres Ge-
bäude zwar den Raum eines Geschehens vorgibt, aus sich heraus aber noch kein Mu-
seum, Supermarkt oder Finanzamt ist, muss auch ein Cyberspace erst durch einen
bestimmten Umgang mit der vom Medium geschaffenen ›Raum‹-Situation zu einem
solchen gemacht werden.
Ähnlich wie Brigitte Scheers Konzeption vom physischen Raum entsteht auch
Novaks Cyberspace aus einer Unterscheidung zwischen Raum und Objekt, bzw. aus
der Tatsache, dass der Rezipient einen Unterschied wahrnimmt zwischen funktional
abschließbaren Attributobjekten und einem medialen Milieu, das sie umgibt. Um
diese Unterscheidung plausibel zu machen, greift Novak bezeichnenderweise auf ge-
nau jenes Areal menschlicher Tätigkeit zurück, das auch Scheer umtreibt: nämlich
die Modulation des Raumes durch gestalterische Arbeit. Er identifiziert dabei zwei
Techniken der Raum-Formung durch den Menschen, die seines Erachtens eine an-
dauernde Konstante in der Kulturgeschichte bilden. Auf der einen Seite steht die
Skulptur als positive Form des Umgangs mit dem Raum, die einem bestimmten
Raumabschnitt Gestalt und Sichtbarkeit verleiht, ihn gleichzeitig für den Betrachter
aber unokkupierbar macht. Ihr gegenüber verortet er die Architektur, die einen leeren
Raum umfasst, begrenzt und damit Räume als solche erlebbar werden lässt (vgl. ebd.:
243). Raum ist also dort, wo wir uns frei bewegen können, Ding dort, wo wir Wider-
stand verspüren. Im Umgang mit den virtuellen Quasi-Räumen digitaler Medien ha-
ben für Novak Interfaces Skulpturcharakter, weil sie dem Nutzer als eine Oberfläche
gegenübertreten, mit der zwar interagiert werden kann, die aber nicht zu penetrieren
ist. Der navigierbare ›Cyberspace‹, wie er sich z.B. in Form eines Hypertext-Systems
manifestieren kann, entspricht für ihn hingegen einer architektonischen Konstellation
(vgl. ebd.: 243).
Bei der Bewegung ›im‹ Cyberspace agieren wir demnach immer nur mit Objek-
ten, die vom Interface unseres Decks aktualisiert werden, während der ›Raum‹ hinter
den Dingen höchstens erahnt werden kann. Dies widerspricht augenscheinlich der
von Novak ausgegebenen Zielsetzung des Cyberspace, die Subjekt-Objekt-Trennung
zwischen Rezipient, Medium und Inhalt aufzuheben. Die Auflösung dieses Wider-
spruchs erfolgt durch ein funktionales Element innerhalb des Cyberspace, welches
Novak als den »Navigator« (ebd.: 231) bezeichnet. Der Navigator ist in Novaks Dik-
tion vielleicht am ehesten als ein Stellvertreter des Nutzers zu verstehen − ein über
das Interface ferngesteuerter virtueller ›Roboter‹, der sich innerhalb der räumlichen
Dimensionen des Cyberspace bewegt und durch dessen Augen der Anwender ihn er-
›fahren‹ kann. Dabei ist die Bezeichnung ›Navigator‹ hier irreführend, wenn man sie
allzu wörtlich nimmt. Der Navigator eines Schiffes hat selbst die Macht der Lenkung
inne. Er führt also selbst das Ruder, während der Navigator nach Novak von außen
gesteuert wird. Zugleich ist der Navigator der physischen Seefahrt in seiner Len-
Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Titel
- Dinge – Nutzer – Netze
- Untertitel
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Autor
- Dennis Niewerth
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 428
- Schlagwörter
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Kategorie
- Medien