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176 | Dinge – Nutzer – Netze
eines Subjekts − oder wie Scheer es mit Heidegger nennt, um ihre »Zuhandenheit«
(ebd.). Im Anschauungsraum wollen die Dinge betrachtet und im räumlichen Kontext
begriffen werden − Scheer spricht hier mit begrifflicher Nähe zu Aleida Assmann
von einem »physiognomischen Verstehen« (ebd.), das sich bei Scheer allerdings an-
ders als bei Assmann weniger auf das individuelle Ding als auf die räumliche Ge-
samtsituation bezieht. Im Aktionsraum sind die Dinge dagegen bereits verstanden
und können verwendet werden, ohne dass sie zuvor einer Semiose unterzogen werden
müssten. Während der Mensch im Anschauungsraum eine rigide Subjekt-Objekt-
Trennung erfährt, in welcher die physikalischen Dinge in all ihrer Tiefe als sein nicht
zu durchdringendes Gegenüber auftreten, werden die Dinge im Aktionsraum zu
Werkzeugen und Erweiterungen seiner Subjektivität bzw. seines Handlungspotenti-
als als Subjekt (vgl. ebd.). Insofern sind Anschauungs- und Aktionsräume gleicher-
maßen Dispositivgefüge: Sie etablieren Ordnungen der Sichtbarkeit und produzieren
aus diesen Ordnungen heraus Subjektrollen für die Menschen, die sich in ihnen be-
wegen und mit ihnen umgehen.
3.3.5 Flüssige Architekturen
In gewisser Weise lässt sich damit die Musealisierung von materiellen Gegenständen
als deren Überführung aus einem Handlungs- in einen Anschauungsraum und damit
als ein Dispositivwechsel beschreiben: Die antike Amphore, die ein Gebrauchsge-
genstand war, hatte in ihrer Ursprungssituation ihren Verwendern nichts mitzuteilen.
Ihre Funktion war es nicht, Bedeutungen zu speichern und zu transportieren, sondern
Flüssigkeiten. Sie war eben für ihren Gebrauch im Alltag ›zuhanden‹ ‒ zwar war ihre
Präsenz im Raum im streng physikalischen Sinne keine andere als jene, die sie heute
als Museumsding aufweist, aber in der Praxis des Umgangs mit Objekten des Akti-
onsraumes bleiben diese ›unsichtbar‹ oder werden zumindest nicht dezidiert ange-
schaut. Zwar wird ihre Rolle in räumlichen Arbeitsprozessen nach wie vor von ihrer
Materialität und Physikalität bestimmt (die Amphore z.B. konnte eben nur so benutzt
werden, wie sie benutzt wurde, weil sie zwei Griffhenkel und einen Hohlraum auf-
weist, der sich befüllen lässt), diese Materialität jedoch wird im Aktionsraum nicht
als Physiognomie, sondern als Funktionalität wahrgenommen. In der Musealisierung
wiederum wird das Zuhandensein der Objekte durch ihre Sichtbarkeit abgelöst: Die
Amphore bleibt nun zwar im physischen Sinne ›leer‹, wird aber zugleich mit Bedeu-
tungen gefüllt. Sie kann uns jetzt etwas mitteilen, jedoch nur, weil sie eben nicht
länger ›benutzt‹ wird und dementsprechend als materielles Ding nicht mehr in ihrer
eigenen Zweckdienlichkeit untergeht. Museen sind also notwendigerweise Anschau-
ungsräume, und als solche wiederum Räume des Außergewöhnlichen.
Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Titel
- Dinge – Nutzer – Netze
- Untertitel
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Autor
- Dennis Niewerth
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 428
- Schlagwörter
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Kategorie
- Medien