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die Tatsache, dass die harten physikalischen Realitäten des Raumes zugleich auch
die Grenzen seiner Erlebbarkeit bestimmen. Es gibt keinen unendlich weit ausge-
dehnten Ausstellungsraum − und gäbe es ihn, so ist überaus fraglich, ob dieser etwas
beherbergen könnte, was wir als ein Museum zu erleben imstande wären. Wie An-
dreas Urban anmerkt, existiert keine Form absoluter musealer Darstellung. Was Mu-
seen anbieten, ist nicht etwa ›die Vergangenheit‹ oder auch nur ›die Geschichte‹ im
Sinne einer Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, sondern jeweils nur ein
schlaglichtartiges »Geschichtsbild« (Urban 2009: 75). Diese Beschränktheit der mu-
sealen Perspektive ist für Urban wiederum ein konstitutives Merkmal der Institution:
Wenn Museen ihre Exponate als Träger von zu empfangenden Botschaften für den
Besucher ausweisen, so verbriefen sie damit zugleich eine Autorschaft der Kuratoren
(vgl. ebd.). Kuratorische Autorschaft wiederum manifestiert sich in der Auswahl von
Objekten und ihrer Positionierung im Raum − und diese Auswahl und Positionierung
trägt die Züge von Autorschaft und Handlungsabsicht eben deshalb, weil sie in be-
grenzten und physisch fest strukturierten Räumen stattfindet. Ein Museum, das keine
Objekte ausschließt, wäre ebenso wenig zu verstehen wie ein Text, der keine Worte
ausschließt. Das einzelne Objekt wäre beliebig und die Institution nicht länger im-
stande, sich für die Sinn- und Zeichenhaftigkeit der Ausstellungsstücke zu verbürgen.
Insofern ist die Abgeschlossen- und Begrenztheit des Museums kein Defizit, sondern
eine Eigenschaft, die seine Existenz als gesellschaftliches Dispositiv erst ermöglicht.
Museen sprechen nicht nur vermittels der Dinge, die sie uns zeigen, sondern auch
vermittels jener, die sie uns vorenthalten.
Die sich mit dem Cyberspace verbindende Erwartung an eine von digitalen Me-
dien getragene Informationsgesellschaft hingegen lebt vom Versprechen der völligen
semantischen Offenheit eines Wissens-Raumes, der ohne die Hierarchie individueller
Autorenschaften auskommen soll. Zugleich aber sollen Cyberspaces auch imstande
sein, die Signifikanz aller in ihnen enthaltenen Information zu bewahren und eben
nicht beliebig werden zu lassen. Zum Garanten der Sinnhaftigkeit wird eben der ›Cy-
ber‹-Aspekt selbst als jenes Element der Steuerung und Rückkopplung, welches da-
für sorgen soll, dass der Rezipient im Cyberspace nicht einfach auf einem Ozean der
Information treibt, sondern vielmehr laufend gelenkt und angeleitet wird. Diese Len-
kung und Anleitung findet aber nicht in einem Raum statt, der sich in einer bestimm-
ten, endgültigen Verfassung präsentiert und nach kultureller Deutung verlangt, son-
dern in einem, dessen Struktur vom Rezeptionsverhalten seiner Besucher tatsächlich
beeinflusst und geformt wird. Insofern will der Cyberspace sowohl Handlungs- als
auch Aktionsraum sein, oder genauer noch: Indem der Rezipient sich im Cyberspace
nur als digitale Doublette seiner selbst bewegt − genau dies beschreibt Novak ja mit
dem ›Navigator‹-Konzept − verwandelt er sich selbst in ein Informationsobjekt. Die-
ses wiederum kann (man denke an Berners-Lees semantic web) nicht nur Informati-
onsfragmente oder Attribute zu von Menschen rezipierbaren digitalen Objekten zu-
sammenfügen, sondern es kann vor allem auch seinerseits von Computern als eine
Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Titel
- Dinge – Nutzer – Netze
- Untertitel
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Autor
- Dennis Niewerth
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 428
- Schlagwörter
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Kategorie
- Medien