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›Virtuelle Museen‹: Medienwechsel und Kontinuität | 183
Endnutzer-Grafikhardware zunehmend digitale Bildgebungen ermöglicht, die einem
›Photorealismus‹ schon recht nahekommen, liegt hier die Messlatte denkbar hoch.
Womöglich jedoch steckt hinter dem weitgehenden Verbleib der virtuellen Mu-
seen im Hypertext-Format der HTML-Seiten jedoch mehr als nur ein Problem der
technischen und damit auch finanziellen Machbarkeit von computergrafisch umge-
setzten virtual reality-Umgebungen. Hypertexte, so stellt Roberto Simanowski fest,
sind eine mediale Erscheinung, bei der kulturelle Erwartungshaltung und tatsächliche
Funktionalität weit auseinanderdriften. Das vermeintliche Versprechen vom (nun
nicht einmal mehr metaphorischen, sondern wortwörtlich zu verstehenden) ›Tod des
Autors‹ im Spiel der Assoziationen von Textpartikeln sei von ihnen niemals eingelöst
worden. Vielmehr, so Simanowskis These, suggerieren uns Hypertexte Freiheits-
grade der Bedeutung und Sinnhaftigkeit, die sie tatsächlich nicht aufweisen. Er diag-
nostiziert hier im Besonderen eine Verwechslung der kombinatorischen Offenheit
von Hypertexten mit ihrer konnotativen: Die Rolle des Rezipienten bei der Erzeu-
gung einer bestimmten strukturell-semantischen Verfasstheit des Textes (die aus dem
Akt des Verfolgens von Links resultiert) wird verwechselt mit seiner Rolle in der
transitiven Erzeugung der Bedeutung von Text (vgl. Simanowski 2002: 68). Eine
Freiheit bei der Kombination vorgefundener Textbausteine impliziert aus sich heraus
noch keine Freiheit im Verständnis oder in der Interpretation der so entstehenden
Textsequenzen, und damit auch keine gesteigerte Souveränität des Lesers im Um-
gang mit dem Text. Insofern sei das Hypertext-Format in vielerlei Hinsicht zu Un-
recht als eine emanzipatorische Form des Schreibens idealisiert worden. Auch in Hy-
pertexten überschreibe der Annotationskosmos des Autors stets den Konnotations-
kosmos des Rezipienten − letztlich beinhalten Hypertexte eben nur jene konkreten
Textelemente und Links, die ihnen von ihren Autoren eingestiftet worden sind (vgl.
ebd.). Mit dem Element der Verlinkung wiederum werde den Autoren ihre Kontrolle
über den Text nicht etwa entzogen, sondern vielmehr um eine ganz neue Ebene er-
weitert, die nun nicht mehr nur den Inhalt, sondern schlechterdings die Funktionalität
von Texten und die Beschaffenheit der Texterfahrung insgesamt berühre. Verlin-
kung, davon ist Simanowski überzeugt, generiere einen Zustand ständiger, unweiger-
lich erkundender Bewegung des Rezipienten, der ständig nach dem nächsten assozi-
ativen Sprung verlangt, anstatt zur Reflexion über das bereits gelesene einzuladen
(vgl. Simanowski 2008: 49). Dies führe nicht etwa zum Tod des Autors, sondern
vielmehr zu jenem des Lesers: Es werde nicht mehr reflektiert, überdacht und ver-
standen, sondern nur mehr an bestehenden Textpfaden entlanggestampft, die aus ih-
rem virtuellen Vorhandensein heraus nach Aktualisierung verlangen (vgl. ebd.).
In diesem Sinne sind verlinkte Hypertexte per se noch keine Cyberspaces, auch
wenn sie in ihrer Funktionalität die Züge einer zweidimensionalen Räumlichkeit auf-
weisen. Verlinkung, wie sie das Merkmal von HTML-Seiten ist, trägt gemeinhin die
Züge einer Autorschaft, auch wenn diese nicht notwendigerweise die einer Einzel-
Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Titel
- Dinge – Nutzer – Netze
- Untertitel
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Autor
- Dennis Niewerth
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 428
- Schlagwörter
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Kategorie
- Medien