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4 Das Museum von Babel?
Wenn man in zeitlicher Nähe zum Informationszeitalter nach Texten sucht, welche
mustergültig jene Informationsangst zum Ausdruck bringen, die nach Konrad Becker
die abendländische Geschichte durchdringt, so wird man fast unweigerlich auf Jorge
Luis Borges᾿ 1941 entstandene Kurzgeschichte Die Bibliothek von Babel stoßen −
und, wenn man etwas weiter gräbt, vielleicht auch auf den ihr bereits 1904 vorausge-
gangenen und weniger bekannten Text Die Universalbibliothek aus der Feder des
deutschen Science-Fiction-Pioniers Kurd Laßwitz. In Die Universalbibliothek ent-
wirft Laßwitz als Gedankenexperiment eine Bibliothek, die in ihren Büchern jede
mögliche Permutation des lateinischen Alphabetes beinhaltet − also jede mathema-
tisch mögliche Zusammenstellung der uns zur Verfügung stehenden Buchstaben und
damit notwendigerweise auch jeden Text, der sich mit diesen schreiben lässt. Eine
solche Bibliothek würde, so Laßwitz, tatsächlich alles menschliche Wissen enthalten,
das sich sprachlich und schriftlich artikulieren lässt − und für uns als Kulturwesen
doch vollkommen nutzlos bleiben, denn: Die sinnvollen und in unseren Lebenskon-
texten interpretierbaren Texte würden versinken in Bergen von Kauderwelsch und
sinnlosen Zeichenfolgen, und es gäbe für die menschlichen Nutzer der Universalbib-
liothek praktisch keine Möglichkeit, aus der aberwitzig großen Anzahl ihrer Bände
jene herauszusuchen, die sich tatsächlich im Sinne eines transitiven Verstehens ›le-
sen‹ lassen (vgl. Laßwitz 1998). Damit bezieht Laßwitz ganz ausdrücklich Stellung
zum virtuellen Moment der Schrift: Im Codesystem der Buchstaben und Satzzeichen
ist implizit eine unvorstellbar große Zahl von Texten bereits vorhanden − und der
Nutzen der Schrift als Trägermedium von Wissen und kulturell-historischer Konti-
nuität ist gerade davon abhängig, dass wir nicht jeden dieser virtuellen Texte aktua-
lisieren, sondern nur jene, die wir sinnhaft in Bezug zu unserer Erfahrungs- und Vor-
stellungswelt setzen können.
Während Laßwitz die Universalbibliothek als ein amüsantes statistisches Gedan-
kenspiel abhandelt und dieses verwendet, um modernen Informationsutopismen eine
wohlwollend-humorvolle Absage zu erteilen, ist die Vorstellung von der absoluten
Bibliothek für Borges eine zutiefst tragische. Seine Bibliothek von Babel wird uns als
Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Titel
- Dinge – Nutzer – Netze
- Untertitel
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Autor
- Dennis Niewerth
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 428
- Schlagwörter
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Kategorie
- Medien