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ein »Universum« (Borges 2010: 146) der Information vorgestellt, das die Gestalt ei-
ner möglicherweise endlos übereinander gereihten und von einer Wendeltreppe mit-
einander verbundenen Abfolge sechseckiger Räume annimmt. An je vieren dieser
Wände befinden sich jeweils fünf Bücherregale, während die beiden übrigen Seiten
von einer Toilette und einem Schlafplatz eingenommen werden, die das Überleben
im Universum der Bibliothek möglich machen sollen (vgl. ebd.: 146ff.). Jede Etage
der Bibliothek beherbergt also 20 Regale. In jedem Regal befinden sich genau 32
Bücher, von denen jedes exakt 410 Seiten stark ist. Jede einzelne Buchseite wiederum
ist beschrieben mit exakt 40 Zeilen, von denen jede genau 80 Zeichen enthält. Die
Zeichen, die in den Bändern der Bibliothek auftauchen, sind schließlich 25 an der
Zahl − nämlich die ursprünglichen 22 Buchstaben des lateinischen Alphabetes sowie
der Punkt, das Komma und das Leerzeichen (vgl. ebd.: 148f.).
Borges erläutert uns nicht die Umstände der Entdeckung oder Entstehung dieser
bemerkenswerten Bibliothek. Der Erzähler ‒ selbst ein Bibliothekar1, der in jungen
Jahren als Pilger in die Welt der Bücher und Sechsecke eingewandert ist ‒ lässt uns
nur wissen, dass sie bereits seit Jahrhunderten oder Jahrtausenden existiert, und dass
ihr Wesen fünfhundert Jahre zuvor von einem anderen Bibliothekar entschlüsselt
worden ist. Diesem war nicht nur aufgefallen, dass sich in den Büchern immer wieder
dieselben 25 Zeichen wiederholen, sondern auch, dass in den bekannten Sechsecken
noch niemand auf zwei Kopien desselben Textes gestoßen war:
Auch führte er einen Umstand an, den alle Reisenden bestätigt haben: In der ungeheuren Bib-
liothek gibt es nicht zwei identische Bücher. Aus diesen unwiderleglichen Prämissen folgert er,
daß die Bibliothek total ist, und daß ihre Regale alle nur möglichen Kombinationen der zwanzig
und soviel orthographischen Zeichen (deren Zahl, wenn auch außerordentlich groß, nicht un-
endlich ist) verzeichnen, mithin alles, was sich irgend ausdrücken läßt: in sämtlichen Sprachen.
(Ebd.: 151f.)
Diese überwältigende Einsicht in die Natur der Bibliothek von Babel2 wurde, so lässt
uns der Erzähler wissen, zunächst mit allgemeiner Euphorie aufgenommen − ist ihre
Implikation doch keine geringere als jene, dass alles, was die Menschheit jemals zu
wissen imstande sein wird, irgendwo in den Büchern der Bibliothek schon niederge-
schrieben sein muss:
1 Ursprünglich, so erfahren wir, betreute in den erforschten Bereichen der Bibliothek jeweils
ein Bibliothekar drei Sechsecke, jedoch sei dieses Verhältnis im Laufe der Jahre durch
»Selbstmord und Lungenkrankheit« (vgl. Borges 2010: 151) zunichtegemacht worden.
2 Deren tatsächliche geographische Position uns im Übrigen ebenso wenig mitgeteilt wird
wie die Umstände ihrer Entstehung − der Erzähler postuliert lediglich seine Theorie, dass
die Bibliothek »ab aeterno« existiere (ebd.: 148) und damit dem physikalischen Kosmos
und der Menschheit möglicherweise sogar vorausgegangen sei.
Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Titel
- Dinge – Nutzer – Netze
- Untertitel
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Autor
- Dennis Niewerth
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 428
- Schlagwörter
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Kategorie
- Medien