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Dinge – Nutzer – Netze - Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
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Das Museum von Babel? | 187 Alles: die minutiöse Geschichte der Zukunft, die Autobiographien der Erzengel, den getreuen Katalog der Bibliothek, Tausende und Abertausende falscher Kataloge, den Nachweis ihrer Falschheit, den Nachweis der Falschheit des echten Katalogs, das gnostische Evangelium des Basilides, den Kommentar zu diesem Evangelium, den Kommentar zum Kommentar dieses Evangeliums, die wahrheitsgetreue Darstellung deines Todes, die Übertragung jeden Buches in sämtliche Sprachen, die Interpolationen jeden Buches in allen Büchern, den Traktat, den Beda hätte schreiben können (und nicht schrieb), über die Mythologie der Angelsachsen, die verlorenen Bücher des Tacitus. Als verkündet wurde, die Bibliothek umfasse alle Bücher, war der erste Eindruck ein überwältigendes Glücksgefühl. Alle Menschen fühlten sich als Herren über einen unversehrten und geheimen Schatz. Es gab kein persönliches, kein Weltproblem, dessen beredte Lösung nicht existierte: in irgendeinem Sechseck. (Ebd.: 152) Diese Entzückung über die Fülle der auf den Buchseiten verborgenen Einsichten weicht jedoch schnell einem horror vacui angesichts der Tatsache, dass das vollkom- mene Informationsuniversum der Bibliothek letztlich von einer völligen Informati- onsleere nicht fundamental verschieden ist. Nicht nur, dass auf jedes grundsätzlich semantisch verständliche Buch zahllose kommen, die nur wirre Zeichenfolgen ent- halten − ja selbst die sprachlich sinnvollen Texte erweisen sich als unnütz, weil es keine Kriterien gibt, anhand derer sich ihr bestehender oder fehlender Bezug zur Welt außerhalb der Bibliothek klären und damit die Wahrheit von der Fiktion scheiden ließe. Auch wenn sich unter den zahllosen Bänden ein Katalog der gesamten Samm- lung fände, ließe sich sein Wahrheitsgehalt kaum ermitteln. Selbst wenn man auf die verlorenen Bücher des Tacitus stoßen würde, ließe sich ihre ›Echtheit‹ nicht bestäti- gen oder widerlegen. Weil die Bibliothek jede nur mögliche Permutation des ihr zu- grundeliegenden Zeichensystems enthält, ist das in ihr gespeicherte Wissen nicht län- ger sozial oder kulturell situiert und kreist damit nicht mehr um eine Welt, die es sprachlich ab- oder nachzubilden gilt, sondern nur mehr um die statistisch-mathema- tischen Eigenheiten seiner medialen Verfasstheit. Autorschaft gibt es hier nicht, bzw. falls doch, so wäre es eine völlig beliebige, der kein Verlangen nach Mitteilung zu- grunde liegt, sondern nur danach, die Möglichkeiten eines Codierungssystems aus- zuschöpfen. So enthält die Bibliothek von Babel zwar alle Fragen und alle Antwor- ten, die sich in Schriftsprache ausdrücken lassen, bietet aber zugleich keine Möglich- keit, sie zusammenzuführen. Die Bewohner der Bibliothek sind dementsprechend in Borges᾿ Erzählung nicht die erleuchteten Verwalter eines wundervollen Wissensschatzes, sondern vielmehr ziellose und zunehmend verzweifelte Nomaden in einer Wüste von Information ‒ die eigentlich keine solche ist, weil sich aus ihr nichts lernen lässt. Begreift man Infor- mation im Sinne Gregory Batesons als »Unterschied, der einen Unterschied aus- macht« (Münker 2005a: 99; vgl. Bateson 1972: 452ff.), so wäre das, was in der Bib- liothek von Babel angehäuft ist, eine Ansammlung von Unterschieden, die überhaupt
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Dinge – Nutzer – Netze Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
Titel
Dinge – Nutzer – Netze
Untertitel
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
Autor
Dennis Niewerth
Verlag
transcript Verlag
Datum
2018
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 4.0
ISBN
978-3-8394-4232-6
Abmessungen
14.8 x 22.5 cm
Seiten
428
Schlagwörter
Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
Kategorie
Medien
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