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Das Museum von Babel? | 191
literarische ebenso wie Sachtexte weniger als etwas Gemachtes denn als etwas Ge-
fundenes. Für jede beliebige Schriftsequenz ließe sich grundsätzlich in jeder beliebi-
gen Schreibsituation eine bestimmte Wahrscheinlichkeit ihres In-Erscheinung-Tre-
tens benennen − wären uns nur all die unzähligen Variablen bekannt, die den Schrei-
benden dazu anleiten, bestimmte Buchstaben an bestimmte Positionen im entstehen-
den Text zu setzen. Wer schreibt, schafft also nicht ex nihilo Sinn, sondern navigiert
abermals einen Möglichkeitsraum und trifft Entscheidungen zwischen einer endli-
chen Zahl von präexistenten Optionen.
Von vergleichbaren Überlegungen ausgehend entwickelte in den 1960er Jahren
der deutsche Philosoph Max Bense eine ›Informationsästhetik‹, die auf die statisti-
sche Beschreibung von Texten im engeren, aber auch Kunstwerken im weiteren
Sinne abzielt. Bense sieht Kunstwerke als Ansammlungen von diskreten Zeichen,
und jedes dieser Zeichen wiederum als das Resultat einer Abfolge von Auswahl- und
Entscheidungssituationen, die anders hätten verlaufen und ausgehen können (vgl.
Bense 1960: 42f.). So, wie jeder Text ein Fundstück aus der absoluten Bibliothek
abbildet, ist demnach jedes Gemälde und jede Skulptur also ein aus einem absoluten
Museum geborgener Schatz. Während sich die »statistische Ästhetik« (ebd.: 28) von
Texten aber relativ leicht erheben lässt, weil diese eben von vorneherein aus klar
diskreten Zeichen bestehen, müssen Objekte der bildenden Kunst zunächst einmal
analytisch in einzelne Zeichen ›zerlegt‹ werden (ebd.: 28f.) − wobei die Frage, was
diskrete Zeichen sind bzw. wo ein einzelnes Zeichen anfängt und aufhört freilich
weitgehend im Ermessen des jeweiligen Analytikers liegen müsste.
In digitalen Medien indes erübrigt sich dieses Element der Willkür, weil − wie
zuvor bereits mit Friedrich Kittler festgestellt wurde − aufgrund der spezifischen
technischen Eigenart des Computerbildschirms die aus einzelnen Bildpunkten zu-
sammengesetzten Computerbilder Texte sind. Und: Auch nicht-bildliche Attributob-
jekte sind aus Einzelmerkmalen zusammengesetzt, die im semantischen Koordina-
tensystem des Cyberspace diskret verortbar sind. Die Virtualität des Computers − die
ja genau darin besteht, dass alle seine Applikationen latent in seiner Fähigkeit enthal-
ten sind, zu Rechnen bzw. abstrakte Signale zu prozessieren − lässt ihn potenziell zu
einer digitalen Universalbibliothek werden. Freilich wird man vergeblich nach einer
Festplatte suchen, auf der sich sämtliche aus Einsen und Nullen arrangierbaren Da-
teien befinden. Dies ist jedoch auch gar nicht erforderlich. Denn während eine Uni-
versalbibliothek des gedruckten Wortes tatsächlich alle möglichen Kombinationen
des Alphabets in aktualisierter Form beinhalten müsste und damit überhaupt erst in
Erscheinung treten könnte, wenn die Affen ihre Jahrmillionen an der Schreibma-
schine bereits abgesessen haben, sind die Affen im Rechner gewissermaßen perma-
nent am Werke. In einer Bibliothek ohne Autorschaften, ohne kulturellen Bezug und
ohne für den Menschen wahrnehmbare Begrenzung spielt es keine Rolle, ob die
gleichermaßen zahl- wie sinnlosen Texte bereits in den Regalen vorhanden sind oder
ob sich die Regale unermüdlich füllen, während wir uns an ihnen entlang bewegen.
Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Titel
- Dinge – Nutzer – Netze
- Untertitel
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Autor
- Dennis Niewerth
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 428
- Schlagwörter
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Kategorie
- Medien