Seite - 193 - in Dinge – Nutzer – Netze - Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
Bild der Seite - 193 -
Text der Seite - 193 -
Das Museum von Babel? | 193
Das einst mythische scharlachrote Sechseck ist also Wirklichkeit geworden − von
hier aus hat man tatsächlich Zugriff auf die Gesamtheit aller in der ursprünglichen
Bibliothek enthaltenen Texte, die nun nicht länger in körperlicher Person bepilgert
werden müssen, sondern über ein elegantes Computerinterface ganz unkompliziert
aufgerufen werden können. Ja mehr noch: Nun, da die Bibliothek auch maschinen-
lesbar geworden ist − jedes einzelne für Menschen verständliche alphabetische Zei-
chen also übersetzt werden kann in für den Computer verständliche Zahlenwerte −
sind ihre menschlichen Besucher nicht länger von ihrer eigenen, ebenfalls durch ihre
Körperlichkeit begrenzten Fähigkeit zur Textlektüre abhängig. Die Bibliothek besitzt
nun eine Suchfunktion:
The golden or leaden key that unlocks the Library is the inbuilt search facility. One prepares a
text of any length, sets the searching into motion, and the Library᾿s own devices will swiftly
trawl that sea of data. A glad chime sounds when the sought words are found. (Ebd.: 452).
Das Problem mit diesem ›goldenen oder bleiernen‹ Schlüssel zur Bibliothek ist aller-
dings gerade die Tatsache, dass ihre Sammlung absolut ist. Weil jede mögliche Kom-
bination alphabetischer Zeichen in der Bibliothek meist nicht nur einmal, sondern
sogar mehrfach vorhanden ist, führt auch jede Suche unweigerlich zu einer Vielzahl
von Treffern:
Since it is an article of faith that the Library truly is exhaustive, all these text searches should
necessarily succeed no matter what is searched for ... as indeed they do. Every find is a sacra-
ment and a vindication. (Ebd.)
Dieses Sakrament der erfolgreichen Suche verliert sich notwendigerweise in Bedeu-
tungslosigkeit, wenn zwar jede Suchanfrage Treffer produziert, diese Treffer jedoch
abermals nur zu Büchern führen, die über den gesuchten Satz hinaus nur kulturloses
Kauderwelsch beinhalten. Die Ironie der Textsuche ist, dass sie letztlich einzig das
bestätigen kann, was man ohnehin bereits weiß, nämlich dass eine eingetippte Such-
anfrage aus alphabetischen Zeichen arrangierbar und damit notwendigerweise auch
in der Bibliothek vorhanden ist. Wollte man mittels der Textsuche ein komplett sinn-
volles und kulturell verwertbares Buch finden, so müsste man es schlicht selbst
schreiben und in Gänze in die Suchmaske eintragen, womit die Suche ihren Gegen-
stand bereits überflüssig machen würde − schreiben ist eben nicht länger kreative
Schöpfung, sondern Würfeln im Absoluten. Weil Suche nach und Schöpfung von
Texten letztlich dasselbe sind, bleibt die unendliche Bibliothek auch in digitaler Form
unergründlich und unbrauchbar − ja tatsächlich führt die Technik den Bibliothekaren
nur noch deutlicher vor Augen, wie vollends zum Scheitern verurteilt jede Bestre-
bung ist, der formlosen Information irgendwelches Wissen entlocken zu wollen.
Während der Erzähler der ursprünglichen Kurzgeschichte sich noch der ›eleganten
Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Titel
- Dinge – Nutzer – Netze
- Untertitel
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Autor
- Dennis Niewerth
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 428
- Schlagwörter
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Kategorie
- Medien