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Dinge – Nutzer – Netze - Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
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194 | Dinge – Nutzer – Netze Hoffnung‹ hingeben konnte, dass es eine Grenze des Virtuellen in der Bibliothek ge- ben könnte, ist für Langfords Techno-Bibliothekar das Ausmaß der völlig ungefilter- ten Beliebigkeit aller gespeicherten Texte buchstäblich nur einen Tastendruck ent- fernt. Im Ergebnis gibt es für ihn keine eleganten Hoffnungen mehr, sondern nur die Nostalgie und Sehnsucht nach einer Zeit, als man sich der eigenen Ohnmacht zumin- dest noch nicht in solchem Ausmaß bewusst gewesen ist: Thus it may be seen what advantages we enjoy over the past librarians whose entire lives might be spent in traversing the hexagonal cells of their conjectural, physical Library, without ever encountering a book that held a single intelligible sentence. As my own long span of Library- searching ticks to its close, I think again and again of those times when so little could be found. Now every volume lies instantly within our grasp, and we possess a far greater understanding of our identical impotence. I would that I lived in the old days. (Ebd.: 454) Der absolute Informationsfundus, wie Borges ihn beschrieb, treibt seine Rezipienten in den Wahnsinn, weil er sie mit einer Hoffnung auf Einsicht und Erleuchtung pei- nigt, die er nicht zu erfüllen imstande ist. Die absolute Verfügbarkeit dieses Fundus hingegen, wie sie uns in Langfords Szenario begegnet, gewährleistet nicht etwa die Nutzbarkeit der enthaltenen Information, sondern gebiert lediglich eine dumpfe Re- signation angesichts der Tatsache, dass es keine Urheberschaft und keinen Entste- hungskontext gibt, der die rein kombinatorisch entstandenen Texte mit der Welt ver- bindet. Nichtsdestotrotz hat die Digitalisierung uns bisher kein solches Szenario be- schert. In unserem tatsächlichen kulturellen Umgang mit schriftlichen Texten ebenso wie mit digitalen Medien sind wir zwar mitunter frustriert von schlechter Abrufbar- keit und unvollständiger Katalogisierung, unverständlicher Sprache oder mangelnder Transparenz von Bezügen und Zusammenhängen, dies aber sind Momente der Ver- irrung, und Verirrung setzt voraus, dass zielgerichtete Bewegung zumindest grund- sätzlich möglich wäre. In der Universalbibliothek ist daran von vorneherein nicht zu denken, weil ihr keine Sinnstrukturen aufzuerlegen sind, innerhalb derer Navigation stattfinden könnte. Man verirrt sich in ihr nicht, man ist in ihr von vorneherein ver- loren. Langfords im Computerzeitalter verfasste Hommage an Borges᾿ informations- apokalyptisches Gedankenspiel ist eine offensichtliche Absage an die sich mit dem Hypertext-Prinzip und der Cyberspace-Vorstellung verbindenden Vorstellungen, eine Totalität der Speicherung mit einer problemlosen, unmittelbaren Verfügbarkeit des Gespeicherten für jede individuelle Interessenlage verbinden zu können. Aller- dings unterscheidet sich Langfords Szenario noch in zwei entscheidenden Punkten von der Realität des Webs, wie wir es im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts kennen. Der erste Punkt ist, dass das Net of Babel tatsächlich gar kein Netz ist. Denn
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Dinge – Nutzer – Netze Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
Titel
Dinge – Nutzer – Netze
Untertitel
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
Autor
Dennis Niewerth
Verlag
transcript Verlag
Datum
2018
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 4.0
ISBN
978-3-8394-4232-6
Abmessungen
14.8 x 22.5 cm
Seiten
428
Schlagwörter
Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
Kategorie
Medien
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