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Das Museum von Babel? | 195
ganz wie die ursprüngliche Bibliothek von Babel besteht es nur aus souveränen, völ-
lig für sich allein stehenden Texten, die sich in Ermangelung menschlicher Autor-
schaft ebenso wenig aufeinander wie auf irgendetwas anderes beziehen können. Da-
raus ergibt sich unmittelbar der zweite Punkt: Langfords Bibliothekar kann die Bib-
liothek nur auf der Ebene des nackten Codes durchsuchen, weil es eine andere
schlechterdings nicht gibt. Entsprechend ist die ihm zur Verfügung stehende Such-
funktion auch eine reine Volltextsuche: Sie gleicht eine eingegebene Sequenz von
Zeichen mit dem ihr vorliegenden, gespeicherten Textkörper ab und wird dabei, weil
dieser eben absolut ist, notwendigerweise auch fündig. Im World Wide Web hinge-
gen sind Texte erstens überwiegend autorschaftlich an den culture layer rückgekop-
pelt, und zweitens untereinander verlinkt. Dieses assoziative Element, das in der
Frühphase der Hypertexttheorie noch als Garant universeller Verständlichkeit und
Zugänglichkeit verhandelt wurde, hat sich tatsächlich mit der Entwicklung des Webs
als ein zweischneidiges Schwert erwiesen. Denn während die Bezüglichkeiten zwi-
schen Einzeltexten und Einzeltextfragmenten einerseits deren sinnhafte Rezeption
erst ermöglichen, schafft andererseits die Verlinkung selbst eine neue Ebene der
Komplexität, innerhalb derer man sich verirren kann. Nicht anders verhält es sich ja
im Museum.
Weil aber das Netz im Gegensatz zum Museum weder eine Trennung zwischen
Innen und Außen noch ein institutionell abgesegnetes Kuratorium kennt, bei wel-
chem sich die Gestaltungshoheit zumindest formal konzentriert, potenziert sich das
Problem hier natürlich. Veränderlichkeit ist ja, wie Lev Manovich betont, ein zentra-
les definitorisches Merkmal der ›neuen Medien‹ (vgl. Manovich 2002: 36ff.), und die
gesamte Programmatik des Hypertextes als Organisationsform von Wissensgefügen
stand im Zeichen der Absicht, diese aus dem Korsett vorgefertigter und statischer
Ordnungs- und Relevanzsysteme zu befreien. Es sei an Jon Kleinberg erinnert, der
als Besonderheit und Kernproblem bei der Erschließung des Meta-Hypertextes
WWW gerade das dreifache Faktum ausmacht, dass das Web erstens bereits aus
enorm vielen Webseiten und Verlinkungen besteht, zweitens immer weiter wächst,
und sich drittens in seiner inneren Struktur laufend verändert (vgl. Kleinberg 1998:
1). Das WWW mag (noch, müsste man einschieben, denn die Primaten tippen hier
mit weit größerer Zielstrebigkeit als jene in Borels Gedankenspiel) keine Univer-
salbibliothek sein, kämpft aber mit einem ähnlichen Problem: Die in ihm enthaltene
Textmenge wächst kontinuierlich, und mit ihr die Wahrscheinlichkeit jeder beliebi-
gen Volltext-Suchanfrage, Übereinstimmungen zu finden.
Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Titel
- Dinge – Nutzer – Netze
- Untertitel
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Autor
- Dennis Niewerth
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 428
- Schlagwörter
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Kategorie
- Medien