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der reinen Anzahl seiner Bekanntschaften, sondern wiederum auch aus deren Ge-
wichtung innerhalb der Gruppe (vgl. Mayer 2010: 71).
1964 schlug der amerikanische Linguist Eugene Garfield vor, diese Einsichten
über die Natur von Netzwerken auf ein anderes Feld zu übertragen: Das der wissen-
schaftlichen Forschung bzw. genauer jenes der einander zitierenden wissenschaftli-
chen Veröffentlichungen. Garfield ging dabei von ganz ähnlichen Prämissen aus wie
keine zwanzig Jahre zuvor Vannevar Bush in seiner Kritik an der Bibliothek: Ange-
sichts unserer ständig und rasant schnell wachsenden Wissensbestände ließe sich die
Forschungsliteratur unmöglich so schnell erschließen, wie sie gedruckt wird − unse-
rem »scientific wealth« stehe, so Garfield, eine »bibliographic poverty« (Garfield
1984a: 525) gegenüber. Dies sei, so fährt Garfield fort, nicht zuletzt ein ganz schlich-
tes Problem der Forschungsökonomie: Jeder Index publizierter Forschungsarbeit sei
in seiner Anlage mit einem erheblichen Arbeitsaufwand verbunden, und dieser sei
nur zu rechtfertigen, wenn sein Nutzen seine Kosten überwiegt. Als eine nahelie-
gende Gefahr schlechter Auffindbarkeit von Forschungsergebnissen nennt Garfield
die Doppelforschung − also die unnötige Forschung an einem Gegenstand, zu dem
bereits Untersuchungen vorliegen.
Allerdings seien in vielen Fällen die an redundante Forschung verschwendeten
Ressourcen immer noch günstiger als die Kosten einer zentralisierten Erfassung aller
Forschungsliteratur. Eine sinnvolle Indexierung wissenschaftlicher Veröffentlichun-
gen müsse daher in erster Linie kostengünstig funktionieren − an eine tatsächlich
beim Inhalt ansetzende Erschließung sei somit nicht zu denken (vgl. ebd.: 526). Statt-
dessen schlägt Garfield vor, sich den schon von Vannevar Bush diagnostizierten
Netzwerkcharakter akademischer Literatur zunutze zu machen, um die Auffindbar-
keit relevanter Schriftstücke zu gewährleisten. Sein bis heute in Gebrauch befindli-
cher (und in zahlreichen Forschungszweigen über Karrieren bestimmender) Science
Citation Index nahm sich den existierenden juristischen Zitationsindex Shepard᾿s
zum Vorbild und sollte die Wichtigkeit von Büchern und Aufsätzen auf ähnliche
Weise als mathematischen Wert ausdrücken, wie es in der Soziometrie mit dem so-
zialen Status von Menschen geschieht (vgl. Mayer 2010: 74f.).
Weil wissenschaftliche Publikationen sich laufend aufeinander beziehen und sich
gegenseitig zitieren, lassen sie sich grundsätzlich genau so behandeln wie Menschen,
die sich untereinander ›kennen‹ − und genau wie man in einer Gruppe von Menschen
besonders beliebte Mitglieder ausfindig machen kann, welche im Zentrum weitrei-
chender Beziehungsgefüge stehen, findet man auch in Netzwerken von aufeinander
Bezug nehmenden Schriftstücken solche, die für ihren Einzugsbereich zentral sind
und hier das bilden, was wir umgangssprachlich ‚Standardwerke‛ nennen würden.
Diese Werke, die innerhalb des Literaturnetzwerkes einen hohen Status aufweisen,
bilden gewissermaßen Schlüsseltexte, denen zum einen ein hoher inhaltlicher Wert
beigemessen wird und die dementsprechend oft zitiert werden, und die zum anderen
Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Titel
- Dinge – Nutzer – Netze
- Untertitel
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Autor
- Dennis Niewerth
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 428
- Schlagwörter
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Kategorie
- Medien