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Das Museum von Babel? | 199
aus ihrer besonderen fachlichen Geltung heraus imstande sind, über ihre Literatur-
verzeichnisse und Fußnotenapparate als Wegweiser zu anderer wichtiger Literatur zu
gelten (vgl. ebd.). Um diese Geltung als einen konkreten Zahlenwert ermittelbar zu
machen, muss der Index nach Garfield aus zwei Listen bestehen: einer, die zitierende
und einer, die zitierte Werke aufführt. Derselbe Text kann durchaus auf beiden Listen
auftauchen − die Unterscheidung zwischen Zitieren und Zitiert-Werden ermöglicht
es, Zitations-›Vektoren‹ zu bestimmen, entlang derer Veröffentlichungen einander
Relevanz verleihen. So könnte ein Paper, das eine sehr große Zahl von Titeln zitiert,
in einer topographischen Darstellung wie der des Soziogrammes durchaus wie ein
star aussehen, tatsächlich aber völlig irrelevant sein, wenn es seinerseits in wichtigen
Publikationen nicht als Referenz angegeben wird. Umgekehrt könnte ein Text, der
für ein Forschungsgebiet Pionierqualitäten aufweist (wie dies z.B. für Vannevar
Bushs As We May Think der Fall ist) einen enorm hohen Zitationsquotienten aufwei-
sen, ohne selbst viele oder überhaupt irgendwelche Werke zu zitieren (vgl. Garfield
1984a: 528f.). Der SCI macht die Zentren und Peripherien wissenschaftlicher Dis-
kurse anhand ihres Niederschlages in der Veröffentlichungspraxis ausfindig. Dabei
sind nach Garfields Einschätzung ausdrücklich nicht nur die Zentren von Interesse.
Ein Mangel an Zitationen deute nämlich nicht immer auf ein schlechtes Paper hin ‒
manchmal könne er auch ein Zeichen für Forschungsarbeit sein, die ihrer Zeit zu weit
voraus und bei ihrem Erscheinen schlicht noch nicht anschlussfähig war. In Verbin-
dung mit inhaltlichen Analysen könne die Wichtigkeitsvermessung, die der SCI vor-
nimmt, dazu beitragen, unterbewerteten und zu Unrecht marginalisierten Arbeiten
zur verdienten Aufmerksamkeit zu verhelfen (vgl. ebd.: 532).
Garfield selbst prägte den Begriff der Hypersearch als Bezeichnung für das Vor-
gehen, statt einer großflächigen Erschließung von Einzeltiteln jene zentralen Schlüs-
seltexte ausfindig zu machen, über welche man zu den relevantesten Titeln im betref-
fenden Themenfeld gelangt (vgl. Mayer 2010: 74f.). Und so revolutionär dieser An-
satz für die Wissenschaftsökonomie und -soziologie bereits gewesen sein mochte ‒
sein eigentlicher, die gesamte Kultur der neuen Medien durchdringender Siegeszug
sollte erst Ende der 1990er Jahre, mitten in der take-off-Phase des World Wide Web,
beginnen.
4.2.2 Google: Kulturelle Relevanz als statistische Korrelation
Angesichts der Fülle der bereits existierenden und leicht verfügbaren Literatur zum
Aufstieg des Google-Imperiums scheint es hier wenig sinnvoll, die Geschichte des
Unternehmens im Detail zu rekapitulieren. Vielmehr soll im Folgenden am Beispiel
Googles abgehandelt werden, wie das Suchparadigma der Hypersearch zu einer ent-
scheidenden Kulturtechnik der virtualisierten Welt werden konnte ‒ und wie sich
diese Kulturtechnik auf die Inhalte auswirkt, die mit ihrer Hilfe organisiert, gefunden
Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Titel
- Dinge – Nutzer – Netze
- Untertitel
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Autor
- Dennis Niewerth
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 428
- Schlagwörter
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Kategorie
- Medien