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202 | Dinge – Nutzer – Netze
funktioniert beispielsweise nach diesem System. Dass eine solche unmittelbare Ver-
knüpfung von culture und computer layer für ein Suchmaschinen-Ranking eine sehr
aussagekräftige Quelle darstellt, ist naheliegend. Der besondere Wert, den Brin und
Page ihm beimessen, gründet sich auf den Sachverhalt, dass er meist die Fremdbe-
schreibung einer Webseite darstellt und damit abbildet, aus welchen Interessen her-
aus ein Nutzer diese möglicherweise anklicken könnte (vgl. ebd.: 5). Ein weiteres
Novum, mit dem Google gegenüber konkurrierenden Suchmaschinen auftrumpfen
sollte, war die Einbeziehung geographischer Größen beim Ranking von Webseiten.
Über IP-Adressen lassen sich sowohl die Standorte der Server bestimmen, auf denen
Web-Inhalte gespeichert sind, als auch jene der Nutzer, die nach diesen suchen. Die
räumliche Distanz kann somit ebenfalls zu einem Faktor werden, anhand dessen über
die Wichtigkeit einer Webseite im Hinblick auf eine individuelle Suchanfrage ent-
schieden werden kann (vgl. ebd.).
Wie die ihm vorausgegangenen Suchmaschinen wertet auch Google die Texte
seiner indexierten Webseiten aus und erhebt dabei insbesondere die Häufigkeit des
Auftauchens bestimmter Wörter, die in sogenannten hit lists verzeichnet werden.
Hier unterscheiden Brin und Page allerdings abermals zwischen plain hits und fancy
hits. Es kommt für die Suche nicht nur darauf an, ob ein Wort auf einer Seite auf-
taucht, sondern auch darauf, wie und wo es genau in Erscheinung tritt. Ein plain hit
bedeutet lediglich, dass das Wort im Fließtext der Seite gefunden wurde. Ein fancy
hit hingegen beschreibt einen Treffer an besonders exponierter Stelle auf der Web-
seite oder sogar im HTML-Code selbst. Ein fancy hit kann z.B. bedeuten, dass das
gesuchte Wort im Titel einer Webseite oder in einer Überschrift fällt ‒ im Gegensatz
zu älteren Suchmaschinen sollte Google nämlich auch erkennen können, ob Textpas-
sagen durch Fett-, Kursivsatz oder Unterstreichung hervorgehoben sind (vgl. ebd.:
5). Ein fancy hit wäre aber auch ein Auftauchen des Wortes in einer URL, einem
Ankertext oder in mit der Webseite assoziierten Metadaten (vgl. ebd.: 9).
Kurzum: Google, wie Brin und Page es 1998 in Aussicht stellten, war zunächst
nichts anderes als ein Bündel von Algorithmen, die Muster und Zusammenhänge er-
kennen und operationalisieren sollten, ohne dabei auch nur im Ansatz imstande zu
sein, sie inhaltlich zu begreifen. Suchmaschinen verstehen keine kulturellen Inhalte,
aber sie können unseren Umgang mit kulturellem Wissen unter ganz bestimmten As-
pekten mathematisch auswerten. Die Schrift allein verbürgt ‒ wie Laßwitz, Borges
und vier Jahre vor Google schließlich noch Langford demonstrieren ‒ für sich allein
genommen keinen hinter den Worten wirkenden Geist, und dementsprechend führt
die reine Textsuche meist nicht zum benötigten Wissen. Sie kann den Text nicht an
die Welt zurückbinden, in welcher er gelesen wird. Erst im Zwischenraum der Inter-
textualität ‒ dies ist eben der ›museale‹ Charakter des Netzes ‒ werden Texte bedeut-
sam. Google kann diesen Zwischenraum nicht lesen, ihn wohl aber nach rein funkti-
onalen Maßstäben vermessen.
Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Titel
- Dinge – Nutzer – Netze
- Untertitel
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Autor
- Dennis Niewerth
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 428
- Schlagwörter
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Kategorie
- Medien