Seite - 206 - in Dinge – Nutzer – Netze - Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
Bild der Seite - 206 -
Text der Seite - 206 -
206 | Dinge – Nutzer – Netze
4.2.3 Das gezähmte Netz: Vom Flanieren zum Finden
Der Erfolg sowohl des Hypertext-Formates als auch jener des Nutzer-Trackings ist
sicherlich auch siebzig Jahre nach As We May Think noch im Kontext einer evidenten
Unfähigkeit klassischer Wissensordnungs- und Abrufsysteme zu lesen, mit rasanten
Informationsexplosionen mitzuhalten. Die institutionelle und personelle Autorität,
die sich mit der Idee der Autorschaft verbindet und die in einem Bibliothekskatalog
ebenso präsent ist wie in einer Museumsausstellung, hat grundsätzlich nur eine be-
grenzte Reichweite, die sich aus den Einschränkungen des menschlichen Organismus
ergibt: Eine Gruppe von Bibliotheksmitarbeitern kann nur eine begrenzte Zahl von
Büchern bibliographisch erschließen, eine Gruppe Kuratoren nur eine bestimmte
Menge von Exponaten verwalten und eine noch kleinere in die Ausstellung aufneh-
men. Dabei sind solche Expertensysteme, wie Konrad Becker feststellt, stets befan-
gen in ihren jeweiligen disziplinären Vorurteilen, die nicht immer das Ergebnis kri-
tischer Reflexion und Auseinandersetzung sind, sondern allzu oft quasi-religiöse
Züge aufweisen:
Professionelle Kategorisierungsexperten bemühen sich, das Kontextabhängige und Temporäre
um jeden Preis zu meiden, und enden doch immer mittendrin. [...] Fast zwangsläufig dominie-
ren eigene Interessen und Anforderungen der Katalogproduzenten über objektivere Bedürfnisse
von Navigation in komplexen Welten. Sie züchten kognitive Verwaltungstechnologien, die
kulturelle und subjektive Vieldeutigkeit und das Schillern kontextabhängiger Aussagen nicht
erkennen. Vorstellungen einer objektiven Ordnung des abstrakten Raumes entstehen auf
Grundlage religiöser Ideen von makelloser Reinheit. Solche Illusionen werden von gefährli-
chen Ideologien kybernetischer Kontrolle genährt und vom Glauben, dass die manifeste Welt
auf einen einzigen Standpunkt zu reduzieren wäre. (Becker 2010: 185)
Damit möchte Becker aber keineswegs ein Loblied auf die völlige Kontextabhängig-
keit anstimmen: Vielmehr, so seine These, gibt es derzeit schlicht keine ideale Form
der Zurechtfindung in komplexen Wissensräumen von der Größe des WWW. Zwar
sei eine kategoriale Ordnung seiner Inhalte weder machbar noch für die Masse der
Nutzer in irgendeiner Form zielführend, zugleich jedoch vermittle eine rein assozia-
tive Zugriffsform allzu leicht falsche Vorstellungen von Verfügbarkeit und schaffe
sich darüber hinaus immer auch ihre ganz eigenen Irrwege:
Der Versuch der elektronischen Aufbereitung von Informationen und Ressourcen kann durch
überkommene Gewohnheiten und veraltete Strategien aus vorangegangenen Ansätzen der
Strukturierung von Wissen sehr unzureichend ausfallen. Digitale Information braucht kein Re-
gal, und es stellt sich die Frage, inwieweit vordefinierte Kategorisierung überhaupt eine gute
Idee ist. Ein Hauptgrund für den Erfolg von Google war das Fehlen virtueller Regale, von im
Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Titel
- Dinge – Nutzer – Netze
- Untertitel
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Autor
- Dennis Niewerth
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 428
- Schlagwörter
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Kategorie
- Medien