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Dinge – Nutzer – Netze - Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
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208 | Dinge – Nutzer – Netze sich in ihr bewegenden (und für sich selbst blinden) Massen schreibt. Dieses Bild vom Internetnutzer als einem lustwandlerischen, zugleich aber auch nachdenklichen und kritischen ›Entdecker‹ schlägt sich nach Morozovs Lesart schon in den Namen der ersten Browsersoftwares nieder: Bezeichnungen wie Internet Explorer und Nets- cape Navigator waren in der Frühzeit des WWW attraktive und affirmative Meta- phern für eine mündige Internetnutzung (vgl. ebd.). Von diesem Nutzerbild zieht Morozov eine interessante Parallele zum Schicksal des historischen (Straßen-)Flaneurs: Dieser nämlich sei an einer Veränderung seiner Umwelt zugrunde gegangen, die er nicht zu kompensieren imstande war. Beginnend im Frankreich des Louis Napoleon und seines Pariser Stadtplaners Georges-Eugène Baron Haussmann hätten Neuordnungen des urbanen Raumes ihm seine wichtigste Lebensgrundlage entzogen: die verwinkelten, labyrinthischen Seitenstraßen, die das Mittelalter den europäischen Metropolen hinterlassen hatte und die dem Flaneur so- wohl das äußere Verlorengehen im öffentlichen Raum, als auch das innere im Priva- ten der Gedanken ermöglicht hatten. An ihre Stelle traten weite, begradigte Boule- vards, die nicht nur dem Fußgänger, sondern wenige Jahrzehnte später gerade auch dem Automobil ein schnelles und zielführendes Vorwärtskommen ermöglichen soll- ten, dabei aber zugleich leichter sauber zu halten und ‒ nach 1848 nicht mehr nur in Frankreich ein entscheidender Faktor ‒ schwerer zu verbarrikadieren waren. Mit den Boulevards kam die Gasbeleuchtung, welche die Stadt zunehmend auch als Raum der abendlichen Freizeitgestaltung interessant werden ließ. Die Nacht gehörte nicht länger Flaneuren und Halbweltlern, sondern wurde vom Bürgertum und seinen Zer- streuungen erobert. Viele klassische Einkaufsstraßen mit kleinen Einzelgeschäften fielen der Konkurrenz kompakter Kaufhäuser zum Opfer, in denen nicht mehr ge- bummelt, sondern zügig, effizient und verkaufsorientiert bedient wurde. Und nicht zuletzt wurde das Flanieren immer gefährlicher: Der zunehmende (und vor allem auch: zunehmend motorisierte) Verkehr machte das versonnene Spazieren zu einem Unterfangen, das durchaus im Krankenhaus oder auf dem Friedhof enden konnte. Nach Morozov waren es eben diese Entwicklungen im räumlichen Gefüge der Stadt, die schließlich auch die größten Flaneure ‒ Proust, Baudelaire, Sainte-Beuve ‒ ins innere Exil ihrer Wohnungen trieben (vgl. ebd.). Im World Wide Web der Gegenwart sieht Morozov ganz ähnliche Mechanismen am Werk wie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in den Großstädten Europas: Der Cyberflaneur existierte, so seine These, in einem Web, das noch keine (oder nur relativ ineffiziente) Suchmaschinen kannte und noch nicht durchgreifend von kom- merziellen Akteuren erobert worden war. Das Netz-Äquivalent zu den mittelalterli- chen Sträßchen und Gassen des städtebaulich noch nicht modernisierten Paris sieht er dabei in den »Arkaden« der bunten Geocities-Seiten der frühen 1990er Jahre, die inzwischen griffigeren Interfaces und Abrufmechanismen gewichen seien. Im Netz gäbe es keinen Raum mehr zum Flanieren, weil sich alles viel zu leicht finden lasse (vgl. ebd.).
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Dinge – Nutzer – Netze Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
Titel
Dinge – Nutzer – Netze
Untertitel
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
Autor
Dennis Niewerth
Verlag
transcript Verlag
Datum
2018
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 4.0
ISBN
978-3-8394-4232-6
Abmessungen
14.8 x 22.5 cm
Seiten
428
Schlagwörter
Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
Kategorie
Medien
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