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Dinge – Nutzer – Netze - Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
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Das Museum von Babel? | 209 Den Baron Haussmann des Netzes erkennt er dabei interessanterweise aber nicht etwa in Sergey Brin und Larry Page, sondern im Facebook-Gründer Mark Zucker- berg. Nicht nur die bis zur Trivialität vereinfachte Auffindbarkeit von Daten sei der Todesstoß für den Cyberflaneur, sondern vielmehr auch eine »Tyrannei des Sozia- len« (ebd.), die auf das Herz des flanierenden Erfahrungsmodus ziele. Dienste wie Facebook wollen, so schreibt Morozov, jede Erfahrung im Netz zu einer sozialen machen und damit jene Anonymität und Ambivalenz vernichten, auf die der Flaneur existenziell angewiesen ist. Die Einsamkeit, die in definiert, soll schlicht nicht mehr möglich sein. Indes sind die hinter der Suchmaschine Google und dem social network Facebook stehenden Absichten und Geschäftsmodelle natürlich ohnehin ganz ähnliche: Ihre Ware und Währung sind die Nutzungsprofile derer, die ihnen mehr oder weniger be- wusst und willig Informationen über sich selbst zur Verfügung stellen und damit eine Optimierung von Online-Angeboten auf ihre Interessenlagen hin ermöglichen. Dass hier natürlich der Weg für allerhand selbsterfüllende Prophezeiungen geebnet ist, muss kaum hervorgehoben werden. Google kann auf die Bedürfnisse und die Lebens- weise des Flaneurs gar keine Rücksicht nehmen, weil seine epistemischen Spazier- gänge statistisch kaum zu erfassen sind ‒ um seinen assoziativen Gedankenketten zu folgen, müsste man sie eben inhaltlich verstehen. Google kann einzig die Bewegun- gen von Massen verfolgen und anhand derer zwar nicht die Natur von connectedness vermessen, wohl aber ein mathematisches Modell ihrer relativen Stärke zeichnen. Weil Google aber nicht nur passiv beobachtet, sondern aufgrund seiner Auswertun- gen die ›Relevanz‹ von Wissensinhalten unmittelbar an seine Nutzer zurückspielt, gewichtet die Software die Autorität bestimmter Webseiten unweigerlich immer wei- ter zu einem bestimmten »Gondelende« (vgl. Jeanneney 2007: 44) hin: Eine Seite steht hoch oben in der Google-Trefferliste, weil sie oft angeklickt wird ‒ und sie wird oft angeklickt, weil sie hoch oben in der Google-Trefferliste steht. Der Historiker Jean Noël Jeanneney spricht hier im Jahre 2007 ‒ unmittelbar nach dem Ende seiner Dienstzeit als Direktor der französischen Nationalbibliothek ‒ unter dem Eindruck von Googles großangelegtem Bücherdigitalisierungsprojekt Google Books von einer »natürlichen Kybernetik« (ebd.), die nunmehr mit der Suchmaschine ihre technische Untermauerung und Vollendung erfahren habe: Kulturelle Wissensbestände neigen zur rekursiven Selbstbestärkung und damit zur Privilegierung von Wissen, das sich leicht an etablierte Kenntnisschätze anschließt. Diesen »epistemischen Selbstläu- fern«8 gegenüber stehen unweigerlich ausgedehnte Landschaften ›schwierigen‹ Wis- sens, das nicht den Majoritäts-Lesarten entspricht und am fernen Ende der Gondel marginalisiert wird (vgl. Jeanneney 2007: 44). Die Verfolgung solch randständigen 8 Stefan Rieger entwickelt den Begriff des »epistemischen Selbstläufers« bezeichnender- weise an den technischen Apparaturen physiologischer Experimentalsysteme des 19. Jahr- hunderts (vgl. Rieger 2012).
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Dinge – Nutzer – Netze Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
Titel
Dinge – Nutzer – Netze
Untertitel
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
Autor
Dennis Niewerth
Verlag
transcript Verlag
Datum
2018
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 4.0
ISBN
978-3-8394-4232-6
Abmessungen
14.8 x 22.5 cm
Seiten
428
Schlagwörter
Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
Kategorie
Medien
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