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Kontext musealer Ausstellungen mit nur geringer zeitlicher Distanz zur Veröffentli-
chung von As We May Think eine ganz ähnliche Abfolge von Gedankengängen, wie
Vannevar Bush sie im Hinblick auf die Bibliothek entwickelt. Weil das Museum sei-
nen gesellschaftlichen Auftrag nur suboptimal zu erfüllen imstande sei, sollen tech-
nische Apparaturen sich seine Inhalte aneignen und den Zugriff auf eine Art neu or-
ganisieren, welche das physische Objekt verbietet. Malraux führt aus:
Heute stehen dem, der sich mit der Kunst beschäftigt, farbige Reproduktionen der meisten
Hauptwerke zur Verfügung, dazu eine Fülle zweitrangiger Bilder, die Kunst archaischer Epo-
chen, die indische, chinesische und präkolumbische Bildnerei in ihrer Blütezeit, ein Teil der
byzantinischen Kunst, die romanischen Fresken, die Kunst der Naturvölker und die Volkskunst.
Wie viele Plastiken waren 1850 schon reproduziert? Unsere Bildwerke hingegen finden ihr
bevorzugtes Thema in der Skulptur, die sich im Schwarz-Weiß getreuer als ein Gemälde wie-
dergeben lässt. Einst kannte man den Louvre (und einige kleinere Sammlungen, die zu diesem
gehören), und an ihn erinnerte man sich, soweit das Erinnerungsvermögen eben reichte. Heute
dagegen stehen unserem lückenhaften Gedächtnis als Ergänzung mehr wichtige und bedeut-
same Werke zur Verfügung, als das größte Museum je in sich zu fassen vermöchte. (Ebd.: 12)
Mit der Rede von der ›Ergänzung‹ des ›lückenhaften Gedächtnisses‹ mittels der Fo-
tografie ist bei Malraux natürlich genau jene Wendung angezeigt, die Bush unter-
nimmt, wenn er das (ja ebenfalls fotografisch arbeitende) Memex-System als »an
enlarged and intimate support to his [des Nutzers] memory« (Bush 1945) bezeichnet
‒ und ganz wie Bush akzentuiert Malraux die Fülle des im Medium aus dem Geist
ausgelagerten Wissens. Die frappierendste Parallele zwischen Bush und Malraux ist
aber, dass der französische Schöngeist und der amerikanische Ingenieur aus völlig
unterschiedlichen Problemstellungen und Interessenlagen heraus fast zeitgleich kurz
vor der Jahrhundertmitte das Assoziative als den Schlüssel zum Umgang mit der In-
formationsflut der Moderne entdecken. Für Malraux führt dieser Gedankengang uns
paradoxerweise zunächst aus den Museen als Einzelorganisationen hinaus, dann je-
doch unmittelbar wieder in die Institution zurück:
Denn ein Imaginäres Museum hat seine Pforten aufgetan, das die unvollständige Gegenüber-
stellung, wie sie nun einmal in der Natur der wirklichen Museen liegt, bis zum äußersten er-
weitert. Was die Museen angeregt hatten, ist Wirklichkeit geworden: Die bildende Kunst hat
ihre Vervielfältigung durch den Druck gefunden. (Ebd.: 12)
Malraux, für den die Zerschlagung der Aura durch die Reproduktion mangels Au-
thentizität der Originalobjekte ohnehin kein Problem darstellt, kann die Auswirkun-
gen technischer Reproduzierbarkeit im Gegensatz zu Benjamin völlig abseits des je-
weiligen Originals denken und ins Auge fassen, wie kulturelles Bewusstsein mit den
Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Titel
- Dinge – Nutzer – Netze
- Untertitel
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Autor
- Dennis Niewerth
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 428
- Schlagwörter
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Kategorie
- Medien