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Abruf-Interface. Das von ihm verfügbar gemachte Wissen ist nicht das Ergebnis so-
zialer Aushandlungsprozesse mit dem Anspruch der Allgemeingültigkeit, sondern
das Ergebnis individueller Assoziationen des Einzelnutzers, die so nur innerhalb sei-
nes eigenen Memex-Gerätes Bestand haben. Memex war niemals als Weltgehirn an-
gelegt, sondern als Erweiterung des Erinnerungsvermögens einer bestimmten Einzel-
person. Das Imaginäre Museum wiederum trägt zwar in seiner abstrakten Konzeption
die Züge eines ›absoluten‹ Museums, tritt jedoch im Alltag nicht als solches in Er-
scheinung.
Zunächst gibt es im Imaginären Museum keine Zentralisierung, wie sie das
›World Brain‹ als Idee ja impliziert. Das Imaginäre Museum ist eben imaginär und
damit an einen imaginierenden Geist gebunden. Es existiert nur implizit innerhalb
der ungleichmäßig über unsere kulturelle Lebenswelt verteilten Reproduktionen und
muss durch einen bestimmten, letztlich assoziativen Umgang mit diesen verwirklicht
werden. Wie es im physischen Museum einen Dualismus von Potentialität und Ak-
tualität in der Trennung von Fundus und Ausstellung gibt, so gibt es auch im Imagi-
nären ein Gegenüber von Präsenz und Latenz, denn auch hier kann nicht alles zu-
gleich ›ausgestellt‹ werden. Niemand ist imstande, gleichzeitig die Gesamtheit aller
Museumsdinge zu rezipieren ‒ Paul Valéry waren ja bereits die Pariser Museen zu
voll. Der Latenzraum des Imaginären Museums ist die Fülle der Kulturgüter mit den
zahllosen virtuell in ihr angelegten Konstellationen, in denen die Objekte zu einander
in Beziehung gebracht werden könnten. Tatsächlich aktualisiert werden kann indes
immer nur ein musealer ›Pfad des Interesses‹ ‒ das ›babelhafte‹ am imaginären Mu-
seum ist, dass es grundsätzlich unzählige Ausstellungen beherbergt, von denen viele
unter kulturellen Gesichtspunkten völlig absurd wären und dementsprechend niemals
zur Aktualität gelangen werden (vgl. Tschirner 2011: 222f.). Tschirner schlägt vor
diesem Hintergrund sinnvollerweise vor, zwei Ebenen des Imaginären Museums zu
unterscheiden: Das Imaginäre Museum mit großem ›I‹ meint hier den gesamten Fun-
dus von in Form von Reproduktionen grundsätzlich verfügbaren Kulturgütern, wäh-
rend ein imaginäres Museum mit kleinem ›i‹ jede individuelle Assoziationskette
meint, die aus einem Auswahlprozess hervorgegangen ist (vgl. ebd.: 223f.).
Dabei sind beide Ebenen ‒ Imaginäres wie imaginäres Museum ‒ zunächst rein
mediale Virtualitäten innerhalb unserer kulturellen Kommunikation, und sie treten
nur dort in Erscheinung, wo Reproduktionen musealer Gegenstände auf eine Art mit-
einander zusammengeführt, konfrontiert und gedeutet werden, die musealen Charak-
ter hat. In diesem Sinne könnte man also durchaus sagen, dass das Imaginäre Mu-
seum, wie Malraux es in den 1940er Jahren beschreibt, weniger ein World Brain denn
einen vordigitalen Cyberspace beschreibt. Im Umgang mit fotografischen Abbildun-
gen fallen die Rollen von Kurator und Rezipient weitgehend zusammen und imagi-
näre Museen entstehen und vergehen im Augenblick assoziativen Springens von Ob-
jekt zu Objekt. Während das Imaginäre Museum allerdings immer prozeduraler,
Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Titel
- Dinge – Nutzer – Netze
- Untertitel
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Autor
- Dennis Niewerth
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 428
- Schlagwörter
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Kategorie
- Medien