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Das Museum von Babel? | 219
ephemerer und letztlich virtueller Natur ist, können imaginäre Museen durchaus ma-
teriell in Erscheinung treten und in einer bestimmten Konfiguration verfestigt wer-
den. Das Mittel imaginären Kuratierens, das Malraux sich selbst wählte, war dabei
paradoxerweise das Kunstbuch bzw. der Bildband ‒ die Stimmen der Stille selbst
präsentieren sich dem Leser als eine Mischung aus kunstphilosophischer Abhandlung
und quer durch Stile, Provenienzen und Epochen galoppierender Sammlung fotogra-
fischer Abbildungen von Kunstwerken. Für Malraux sind Bildbände imaginäre Mu-
seen ‒ was aus der Perspektive dieser Abhandlung natürlich zunächst paradox er-
scheinen muss, wurde doch die Linearität und Sequenziertheit des gedruckten Wortes
als das genaue Gegenteil der mehrdimensionalen, räumlichen Vermittlungslogik des
Museums ausgemacht. Die Auflösung dieses Widerspruches liegt für Tschirner da-
rin, dass Malraux den Bildband eben nicht als eine eindimensionale Abfolge von Fo-
tografien anlegt, sondern ihn als ein Mittel der Konfrontation zwischen Objekten ver-
steht. Grundsätzlich leisten imaginäre Museen ähnliches wie physische und sind ähn-
lichen Beschränkungen unterworfen: Sie assoziieren Kulturgüter miteinander und
müssen dabei immer auch aus- und abschließen ‒ sie sind zwar nicht räumlich be-
grenzt, wohl aber durch die Aufnahmefähigkeit ihrer Rezipienten. In imaginären Mu-
seen entfällt allerdings eine Beschränkung, die für physische unumgänglich ist: die
Singularität der Exponate.
In der Reproduktion brechen Kunstwerke nicht nur aus den Stätten aus, an denen
die Originale verwahrt und präsentiert werden, sondern sie durchleben zugleich eine
potenziell unüberschaubare Multiplikation ihrer selbst. Semiotisch bedeutet dies, so
Tschirners Deutung, dass nun dasselbe Zeichen in unterschiedliche Signifikanten
aufgespalten werden kann, und diese Aufspaltung liegt nicht nur in der Vervielfälti-
gung begründet, sondern gerade auch in der Neukontextualisierbarkeit der Kopien.
Die von Malraux selbst in den Nachkriegsjahren mitherausgegebenen Bildbände
seien hierfür exzellente Fallbeispiele: Malraux verwendet darin unterschiedliche fo-
tografische Ansichten derselben Kunstobjekte, um das singuläre Original in eine An-
zahl unterschiedlicher Bedeutungsträger aufzufächern. Im Ergebnis konfrontiert das
Kunstbuch als imaginäres Museum nicht nur ‒ wie es das physische Museum tut ‒
zeitgenössische Metamorphosen unterschiedlicher historischer Objekte miteinander,
sondern auch das Einzelobjekt mit Metamorphosen seiner selbst und damit seiner
eigenen Vieldeutigkeit. Das epistemische Ergebnis dieser Rekursion der Ausstel-
lungsgegenstände auf sich selbst beschreibt Tschirner mit dem Konzept der »zirku-
lierenden Referenz«, das auf den Wissenschaftstheoretiker Bruno Latour zurückgeht:
In der technischen Reproduktion von Kunstobjekten wird nicht etwa eine Signifikant-
Signifikat-Beziehung zwischen Kopie und Original etabliert, sondern das Original-
objekt wird durch die Offenlegung seiner Stilistik in seiner fotografischen Abbildung
selbst zum Zeichenträger für dieselbe. Die bei Benjamin in ihrer tatsächlichen Funk-
tionalität noch schwammig gebliebene Zerschlagung der Aura erklärt Tschirner aus
dem Malraux᾿schen Konzept des Imaginären Museums heraus als eine Verschiebung
Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Titel
- Dinge – Nutzer – Netze
- Untertitel
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Autor
- Dennis Niewerth
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 428
- Schlagwörter
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Kategorie
- Medien