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ausladend gedeihen könne, in dem sich aber letztlich jede Sinn-Verästelung gerade-
wegs zu den ihr zugrundeliegenden Vorannahmen zurückverfolgen lasse (vgl. ebd.:
8f.). Interessanterweise erscheint diese Textform nicht etwa stringent linear, sondern
ist durchaus zweidimensional organisiert ‒ nur so lassen sich ›Wurzeln‹ und ›Äste‹
ja denken. Allerdings ist ihre Organisation nicht flach, sondern getragen eben von
der Autorität von Ideen übereinander bzw. der Abhängigkeit allen Wissens von Prä-
missen, die ihnen als Wahrheitsbedingungen vorangestellt sind.
5.1 VERWURZELTE UND VERTEILTE TEXTE
Das Rhizom bzw. der rhizomatische Text wird dagegen als eine entschieden mo-
derne, völlig flache und egalitäre Bühne des Wissens gedacht. Ganz in Übereinstim-
mung mit der Hypertexttheorie entwerfen Deleuze und Guattari hier das Bild von
Texten, die zerstückelt und zerkleinert sind und deren Fragmente ihren Sinngehalt
nicht etwa aus der Rückbindung an ›Stamm‹ oder ›Wurzel‹-Konzepte beziehen, son-
dern aus der machtfreien Interaktion miteinander. Dabei können einzelne dieser Bau-
steinchen durchaus miteinander verbunden sein, aber diese Verbundenheit impliziert
keine Hierarchie in irgendeiner Richtung, und die ›Wurzeln‹ innerhalb des Rhizoms
sollen viel kürzer und chaotischer verstrebt sein als jene des Wurzelbuches (vgl. ebd.:
9ff.). Während im Wurzelbuch Sinn (wie Flüssigkeit und Nährstoffe im tatsächlichen
Baum) von den Wurzeln durch den Stamm ins Geäst geleitet wird, impliziert das
Rhizom als Begriff eine Heterogenität semiotischer Einzelelemente, die ihre Bedeu-
tung temporär aus einem variierenden Machtgefüge erhalten, anstatt sie in Form ihrer
eigenen Genealogie mit sich herumzutragen:
Ein Rhizom verknüpft unaufhörlich semiotische Kettenteile, Machtorganisationen, Ereignisse
in Kunst, Wissenschaft und gesellschaftlichen Kämpfen. Ein semiotisches Kettenglied gleicht
einem Tuberkel, einer Agglomeration von mimischen und gestischen, Sprech-, Wahrneh-
mungs- und Denkakten: es gibt keine Sprache an sich, keine Universalität der Sprache, sondern
einen Wettstreit von Dialekten, Mundarten, Jargons und Fachsprachen. Es gibt keinen idealen
Sprecher-Hörer, ebensowenig eine homogene Sprachgemeinschaft. Die Sprache ist nach einer
Formulierung von Weinreich »eine wesentlich heterogene Wirklichkeit«. Es gibt keine Mut-
tersprache, sondern die Machtergreifung einer beherrschenden Sprache in einer politischen
Vielheit. (Ebd.: 12)
Rhizome sind also im Gegensatz zum Wurzelbuch nicht ›gewachsen‹, sondern per-
manent im Zustand des Wachstums (und damit natürlich auch des partiellen Abster-
bens und Neugedeihens) befangen. Während Inhalte im Wurzelbuch punktuell loka-
lisierbar sind, funktioniert das Rhizom über Linien und Vektoren (vgl. ebd.: 14f.).
Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Titel
- Dinge – Nutzer – Netze
- Untertitel
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Autor
- Dennis Niewerth
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 428
- Schlagwörter
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Kategorie
- Medien