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Der Entdecker einer solchen Landschaft ist insofern grundverschieden von Umberto
Ecos Detektiv, als dass dieser immer in einer historischen Welt beheimatet ist, in der
alles Geschehen auf eine ›Ahnenreihe‹ von kausal gestaffelten Vorgängerereignissen
zurückblicken kann. Er lebt gewissermaßen in derselben ›Wurzelwelt‹, in der sich
auch das Museum konstituiert, in der nämlich vergangene Tatbestände uns Spuren
hinterlassen, zwischen denen wir den Umriss einer historischen Welt zu zeichnen
vermögen. Der Entdecker im Rhizom hingegen findet die sich ihm darbietende Sinn-
Welt immer wieder wie neu geboren vor ‒ nicht umsonst denken Deleuze und Gua-
ttari das Rhizom vor allem aus der Perspektive von Mentefakten (nämlich Textsyste-
men), die im Gegensatz zu Artefakten nicht in der penetranten, Arendt᾿schen Dauer-
haftigkeit des Materiellen ihre Ursprungssituation referieren. Das Rhizom soll dem
Entwurf seiner Definitoren folgend überhaupt keine punktuellen Landmarken mehr
aufweisen. Orientierung soll nicht mehr über klare semiotische Zuordnung von Sig-
nifikant und Signifikat funktionieren, sondern über die Interrelationen der Signifi-
kanten zwischeneinander. Das Nächstbeste zu einem tatsächlichen Orientierungs-
punkt sollen Text-›Orte‹ sein, an denen sich Signifikanten besonders engmaschig
verdichten. Diese Orte leihen dem zweiten Band von Capitalisme et Schizophrénie
ihren Namen: Deleuze und Guattari nennen sie Plateaus (vgl. ebd.: 35).
5.2 PARTIZIPATION ALS RHIZOMATISCHES PHÄNOMEN
Diese Arbeit will überhaupt nicht versuchen, abschließend zu klären, inwiefern das
WWW oder das Museum tatsächlich als rhizomatische Kulturerscheinungen betrach-
tet werden könnten. Sicherlich erfüllen beide eine Anzahl der genannten Kriterien:
Beide weisen eine netzartige Organisation von Zeichen auf, die eben nicht nur Text
sind, beide verbinden diese vernetzte Anordnung von Inhalten mit einer Vernetzung
von Rezipienten und Produzenten, beide vermitteln Wissen eher in zweidimensional
modularisierter denn in eindimensional sequenzierter Form, beide ordnen ihre Sinn-
bausteine eher horizontal in der Ebene als vertikal hierarchisiert an, beide stellen also
ihren Rezipienten Virtualitäten des Wissens zur Verfügung und lassen ihnen einigen
Spielraum bei deren Aktualisierung. Allerdings legen sowohl Netz als auch Museum
darüber hinaus weitere Eigenschaften an den Tag, die entschieden unrhizomatisch
sind: Beide bestehen eben nicht nur aus dynamischen Vektoren des Wissens, sondern
auch aus Knotenpunkten. Im Museum sind diese als materielle Dinge in ihrer Ver-
fasstheit nahezu unveränderlich, während digitale Objekte im Netz zwar prozedural
entstehen, dabei aber Identitätsbedingungen unterworfen sind, die auf die spezifische
Beschaffenheit von Verlinkungsgefügen und die Architekturen von Softwares zu-
rückverweisen. Das Web besteht nicht aus Vektoren in Relation zueinander, sondern
Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Titel
- Dinge – Nutzer – Netze
- Untertitel
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Autor
- Dennis Niewerth
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 428
- Schlagwörter
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Kategorie
- Medien