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Gelenkte Rhizome: Kulturelles Erbe und kulturelle Kybernetik | 235
eines durchaus interpretationsfähigen Besuchers schrieb, waren Museen noch im ho-
hen Maße Forschungseinrichtungen und wurden von ihren Kuratoren vor allem als
Repertorien für die Wissenschaften geführt (vgl. Redman 2010: 1). Eine der ersten
demographischen Besucherstudien entstand 1929 am Pennsylvania Museum (heute
das Philadelphia Museum of Art) und erhob für eine Stichprobe von 1.000 Besuchern
jeweils Beruf, Wohnort, Anreisemethode, Anlass des Besuches, Lieblingsaspekte der
Ausstellung und solche, die als verbesserungswürdig empfunden wurden. Das Publi-
kum erwies sich dabei in seiner Komposition als deutlich komplexer, als es die For-
scher erwartet hatten: Zwar stellten Studenten, wie vorhergesehen, den Großteil der
Besucherschaft, ein Viertel aber entfiel auf Hausfrauen ohne höhere Bildung. Auch
Fabrikarbeiter waren signifikant repräsentiert, während kaum mehr Anwälte als Bau-
ern ins Museum kamen. Geschlechtlich war das Publikum fast ausgeglichen. Haus-
frauen und Farmer zeigten eine besondere Vorliebe für kulturhistorische Ausstel-
lungsräume, während Studenten und Fabrikarbeiter gleichermaßen Gemälde favori-
sierten. Besonderes Interesse am Museumsgebäude selbst zeigten Ingenieure und Ar-
chitekten. Die am häufigsten auftauchenden Verbesserungsvorschläge betrafen nicht
die Ausstellungen selbst, sondern die das Museum umgebende Infrastruktur: Besu-
cher wünschten sich ein Café, regelmäßige Vorlesungsveranstaltungen und einen
Ausbau von Anreisemöglichkeiten (vgl. ebd.: 3f.).
In Großbritannien wurden in den 1980er Jahren sogenannte ›participation stu-
dies‹ durchgeführt, in diesen wurde aber tatsächlich nur über Zeiträume von meist 12
bis 24 Monaten hinweg erhoben, wie groß der Anteil von Museumsgängern an der
Gesamtbevölkerung war und wie sie sich als Gruppe demographisch zusammensetz-
ten. Dabei kam man zu stark variierenden Befunden, denen zufolge der Anteil der
Briten, die einigermaßen regelmäßig Museumsangebote in Anspruch nahmen, an der
Gesamtbevölkerung zwischen einem Viertel und etwas mehr als der Hälfte lag. Dar-
über hinaus waren diese Studien sich untereinander nie recht einig darüber, was ge-
nau unter einem Museum zu verstehen sei. Einige von ihnen bezogen auch Kunstga-
lerien und Gedenkstätten mit in die Betrachtung ein, während andere sich auf Museen
im engsten Sinne beschränkten (vgl. Hooper-Greenhill 1995: 3f.). Unabhängig von
genauer Methodik und jeweiligem Gegenstandsumriss wurden solche Erhebungen
von der britischen Museumswissenschaft der 1990er Jahre zunehmend verworfen:
Die Gesamtheit der Museumsbesucher einfach als ›Masse‹ zu operationalisieren,
hatte ungeachtet der tatsächlichen Aussagekraft der Studien schlicht zu keinen Ein-
sichten geführt, die museumspraktisch anwendbar gewesen wären. Sie bestätigte
letztlich nur den Gemeinplatz, dass die Zielgruppe der Institution Museum schwam-
mig und damit eben »the general public« sei (vgl. ebd.: 5). Es galt nun vielmehr, die
Besucherforschung zu nutzen, um ein virtuelles Publikum zu aktualisieren, das bisher
noch nicht für die Institution aktiviert worden war. Eine neue britische Museumsfor-
schung wollte nicht mehr nur nach den demographischen Daten der Besucher fragen,
sondern vielmehr nach ihren Wünschen, Motivationen, Interessen und der sozialen
Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Titel
- Dinge – Nutzer – Netze
- Untertitel
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Autor
- Dennis Niewerth
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 428
- Schlagwörter
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Kategorie
- Medien